Wenn im Film Platten aufgelegt werden…

Spätestens wenn Vinyl auf einem Plattenspieler landet, mag ich auch den Film. Dieses Geräusch, wenn jemand die Diamantnadel auf eine rotierende Schallplatte setzt – dumpf, quietschend, kratzend, es lässt sich schwer beschreiben. Aber es impliziert immer eines: Gleich kommt ein Song. Gänsehaut.

Platten sind wieder in, ob als Lieblingssongs zum Anfassen für die Ewigkeit oder als verformte Vinyluhren und -obstschalen. Auch im Kino fand man sie früher und findet man sie heute wieder vor (siehe hier) – leider kommen sie viel zu selten wirklich zum Einsatz. Das ist mir auch vor kurzem bei Vielleicht lieber Morgen aufgefallen. Zwar schenkt Charlie Sam eine Platte von den Beatles, aufgelegt wird diese aber nicht. Stattdessen quatschen die beiden – wie laaaangweilig. Musik transportiert oft so viel mehr Innenleben als einfache Worte aus dem Drehbuch, vor allem wenn sie intradiegetisch ist, also zur erzählten Welt gehört. Ein besonders gutes Beispiel ist der Einsatz des Songs Strange Feelin‘ (von Tim Buckley) in Me Without You mit Michelle Williams. Leider legt Williams hier eine CD ein, aber immerhin läuft ein Lied, das diesen Moment zum besten des ganzen Filmes macht.

Es gibt noch unzählige weitere Songs, die in besonderen Filmmomenten als Schallplatte aufgelegt werden. Hier eine Liste:

  • Devil got my woman von Skip James in Ghostworld. Enid (Thora Birch) und Rebecca (Scarlett Johansson) haben gerade die High School abgeschlossen, doch während Rebecca erstes Geld verdient, hängt Enid nur ab. Durch einen Kontaktanzeigen-Streich lernen die Freundinnen den verschrobenen Einzelgänger und Musiknerd Seymour (Steve Buscemi) kennen. Er zeigt Enid seine Plattensammlung, darunter den Bluessong Devil got my woman, der sie besonders berührt. Außerdem ein ziemlicher Ohrwurm: A Smile and a Ribbon von Patience and Prudence aus den 1950er Jahren
  • Venus in Furs von The Velvet Underground in Last Days. Während Rockstar Blake die letzten Tage seines Lebens verlebt, legt Scott Venus in Furs (1967) auf, lehnt sich an die Couch, wippt und singt mit. Wie in Ekstase lässt er sich in diesen Song fallen, ein Gefühl, das wir bestimmt alle von dem ein oder anderen Lied kennen.
  • The Young Person’s Guide to the Orchestra, Op. 34: Themes A. – F. (1946) von Benjamin Britten in Moonrise Kingdom (2012). Im Intro von Wes Andersons Film sitzen drei Kinder um einen türkisfarbenen tragbaren Plattenspieler aus Plastik und lauschen einer ganz besonderen Melodie. Mir kam sie gleich bekannt vor, und zwar aus Stolz und Vorurteil (2005): Es handelt sich darin um A postcard to Henry Purcell, Dario Marianellis Version von Purcell’s Abdelazar (ab Minute 5). Der Plattenspieler kommt übrigens nochmals zum Einsatz: Suzy Bishop klaut ihn ihrem kleinen Bruder und tanzt auf der Flucht mit Pfadfinder Sam Shakusky in Unterhosen zu Le temps de l’amour von Francoise Hardy.
  • She smiled sweetly von den Rolling Stones in The Royal Tenenbaums. Richie Tenenbaum (Luke Wilson) kehrt nach einem Selbstmordversuch zurück ins Haus der Familie Tenenbaum und trifft seine große Liebe und Stiefschwester Margot (Gwyneth Paltrow) in seinem Zelt. Wes Anderson lässt Margot andächtig die Platte She smiled sweetly auflegen, es gleicht einer kleine Zeremonie. Als Richie und Margot gemeinsam auf dem Feldbett liegen, folgt der bekanntere Song der Stones: Ruby Tuesday.
  • Habanera aus der Oper Carmen von Georges Bizet in Disneys Aristocats (1970). Könnt ihr euch noch an Georges Hautecourt erinnern? Diesen wirren alten Herrn, der in seinem knatterigen Oldtimer angebraust kommt, beinahe die Treppen hinterfällt und dann mit Madame Adelaide Bonfamille und ihren Katzen tanzt (hier)? Der entsprechende Song ist übrigens kein geringerer als Georges Bizets Habanera, der aus einem alten Grammophon zum Kurbeln säuselt.
  • Indian Love Call von Slim Whitman in Mars Attacks. In Tim Burtons skuriller Alien-Apokalypse spielt Indian Love Call mit die wichtigste Rolle. Das Gejodel der Country Legende ist nämlich Grandmas (Sylvia Sidney) absoluter Lieblingssong, kann für andere aber unerträglich bis tödlich (Marsianer!) sein. Nur merkt das lange niemand, weil die Oma ihn mit am Plattenspieler angestöpselten Kopfhörern hört. Erst als zufällig die Kabel gezogen werden, zeigt sich die wahre Kraft von Slim Whitmans Platte.
  • The Donkey Serenade gesungen von Mario Lanza in Heavenly Creatures. In Peter Jacksons außergewöhnlicher Verfilmung eines auf Tatsachen beruhenden Mordfalles tanzen die beiden Freundinnen Pauline (Melanie Lynskey) und Juliet (Kate Winslet) zur Platte des italoamerikanischen Opernsängers Mario Lanza.

 

Ich werde die Liste noch weiterführen und nehme sehr gerne Tipps an. Vielen Dank schonmal an die Twitterer @macsorcist für den Link und @LeoDoppelherz für die Filmvorschläge. 😉

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Jo’s Badetuch

Freibad-Philosophie

Der nachfolgende Text steht so oder so ähnlich in einem meiner Tagebücher. Sommer 2006, ich bin zarte 15. Meine Noten in Mathe und Physik reichen gerade noch zum Bestehen der neunten Klasse. Ich lasse mich gelangweilt durch das Jahr treiben, auf der Suche nach der ersten Liebe und nach mir selbst.

Auf dem Balkon gegenüber trocknet ein grünes Badetuch in der Sonne. Der Nachbarsohn war wohl im Freibad. Ich bilde mir ein, das Chlor zu riechen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Erinnerung, die lebendig wird. Zwei Tage zuvor war ich mit Lisa, Hannah, Jana und Jo im Freibad. Ich zog mein eingerolltes Badetuch aus dem Rucksack und breitete es im Schatten aus, während sich die anderen direkt in der prallen Sonne niederließen. Ihre Haut schimmerte wie Bronze in der Julisonne. Meine blieb blass wie heller Sand.

Welche Farbe haben eigentlich die Handtücher von Jungs, frage ich mich. Ich versuche mich an das Tuch zu erinnern, das Jo mitgebracht hatte. Vor meinen Augen formt sich sein Gesicht, das die Mädchen so toll finden. Sein schmaler Körper, das schwarze Schweißarmband am linken Handgelenk, das Skaterboys so tragen, neben Vans und Nietengürtel. Aber gefallen – puh – nein, mein Geschmack ist es nicht. Wie er immerzu lächelt. Als erwarte die Welt das von ihm. Und als erwarte er es von der Welt.

„Lächle doch mal!“ Es hätte mich nicht gewundert, wenn Jo das zu mir gesagt hätte. Mit einem breiten Grinsen. Wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand zum Lächeln auffordert. „Wozu der böse Blick?“, ist ungefähr das Häufigste, das mein 15-jähriges Ich gefragt wird. Im Freibad kam es von Jana. Jana, die über mich sagt, ich rede zu viel. Jana, die mir erklärt, das Leben sei kein Wunschkonzert. Ehe ich antworten konnte, lief sie Richtung Volleyballfeld und die anderen ihr nach. Ich blieb zurück. Mit von Sonnenmilch klebrigen Fingern kramte ich meinen mp3-Player hervor und legte mich mit Metallica im Ohr auf das Badetuch. Starr wie ein Brett lag ich dort. Es erinnerte mich an dieses Spiel, das wir in der Grundschule immer kurz vor Unterrichtsende gespielt hatten: „Alle Fische sind tot“. Wer am längsten regungslos auf dem Boden liegt, hat gewonnen. Ich war ganz gut im Tot-Sein.

Besser als im Mich-Verlieben und besser als darin, jemandes Love-Interest zu sein. Liegt es an mir, dass ich mich an Jo’s Badetuch nicht mehr erinnern kann, einfach weil er mich nicht interessiert? Liegt es an mir, dass ich in der Siebten gefühlt die Einzige war, die auf der Klassenfahrt nicht geknutscht hat? Dass ich noch keinen Freund hatte? Es sind  immer die gleichen Fragen, die mich beschäftigen. Jetzt gerade rotieren sie um das grüne Badetuch am Nachbarsbalkon. Es ist ja nicht so, als hätte sich noch niemand für mich interessiert, sage ich mir. Adam vielleicht. Er war so nervös, als seine Mutter uns einander vorstellte. Aber er interessierte mich nicht weiter. Simon, der meinte, er bekomme die Mädchen, wenn er sie in die Taille kneift. Fehlanzeige. „Du bist eine harte Nuss, die man irgendwie knacken muss“, sagte er zu mir. Martin. Der mir betrunken auf seiner eigenen Geburtstagsfeier erklärte, er wäre dann jetzt zu haben. Georg, der auf einer Party erst mit einer Freundin rummachte, sich danach mit dem Ärmel über die Lippen wischte und dann versuchte, mich anzugraben.

Das grüne Badetuch flattert im Wind. Ich schließe die Augen, atme die Sommerluft ein. Sonnencreme, frisch gemähtes Gras. Als ich sie wieder öffne, ist es weg.

 

„Es tut mir leid, ich bin… ein Rock’n’Roll-Klischee.“

Ein Film über die letzten Tage im Leben eines Rockstars, der wie Kurt Cobain aussieht, sich wie er kleidet, wie er singt und wie er stirbt, es aber dennoch nicht ist.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=HFWnZW3esb8

Das Erste, das Blake tut, ist: Kotzen. Später wird er weiter durchs Unterholz stolpern, nackt in einen Fluss springen und demonstrativ hineinpinkeln. Spindeldürr und blass ist er, als er aus dem Wasser kraxelt, erinnert er mich stark an Gollum. Parallelen zu ihm mögen Zufall sein, die zu Nirvana-Frontman Kurt Cobain († 5. 4. 1994) sind es nicht. Mit seinem Film „Last Days“ stellt der Regisseur Gus Van Sant ganz bewusst eine Referenz zum tragischen Tod des Grunge-Idols her. Schauspieler und Sänger Michael Pitt trägt als Rockstar Blake Kurts strähniges Haar, seinen Stoppelbart, zerrissene Jeans, Chucks, Streifenpulli, gelegentlich ein Kleid. Er ist ungesund abgemagert, sein Text unverständliches Gemurmel, das er mit seinen Seelenqualen im dicken Parka herumträgt. Er ist gerade aus der Entzugsklinik geflohen und versteckt sich auf seinem Anwesen vor Exfrau und Privat-Detektiv.

Bei den Kritikern kam Van Sants Drama aus dem Jahr 2005 nicht so gut an. Zu wenig Handlung und das Innere von Blakes Charakter komme zu kurz, bemängelten manche. Ich empfinde genau das Gegenteil: Der ganze Film steckt voller Innenleben, transportiert wird es von Kamera, Musik und Soundkulisse. Aufdringlich schellen Kirchenglocken, Telefon und Türklingel und wenn Blake selbst zu Instrumenten greift, ist das Ergebnis verzweifelter Gesang. Pitt imitiert Cobains Stimme erstaunlich gut. Er singt die hohen Töne ebenfalls mit der Bauch-/Bruststimme, was den Gesang rau und „echt“ wirken lässt – das Geheimnis von Cobains Authentizität, wie eine Analyse (ab S.57) ergab. Mittels ungewöhnlich langer Einstellungen und zeitlupenartigen Bewegungen von Blake und der Kamera wird dessen innere Qual bildlich in die Länge gezogen. Van Sant beschränkt sich dabei auf wenige, sehr ähnliche Perspektiven. Manchmal bleibt die Kamera wie in Trance an einer Stelle, etwa einem Gebüsch im Garten, hängen. Zusehen fühlt sich beinahe wie Meditation an und erinnert mich an „2001 – Odysee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick.

Das bisschen Handlung wiederholt sich in einem Déjà-vu: Immer wieder tanzen Blakes Freunde in seinem Haus zu „Venus in Furs“ von Velvet Underground, wiederholt erzählt Luke von seinem Song, die Flucht Blakes vor Donovan und dem Privatdetektiven läuft immer gleich ab. Ein unaufhörlicher Strudel der Verzweiflung, zusätzlich verstärkt durch die Positionierung Blakes in Türrahmen, die für das Gefühl des Gefangen-Seins steht. „Bist du frei?“, fragt ihn Sonic-Youth-Frontfrau Kim Gordon. „Frei genug, um die Gitarre zu spielen?“ Von wegen. Blake ist eingekesselt zwischen Ruhm, Drogensucht und Erwartungen, weswegen er infantil wird, wie ein Kleinkind zur Tür krabbelt oder sich in das Bett seiner Tochter legt. „Ich habe auf meinem Weg etwas verloren, auf meinem Weg dahin, wo ich heute bin“, schreibt er in sein Notizbuch.

Als Nirvana-Fan habe ich unzählige Dokus über die Band und Kurt Cobain durch. Alle versuchen sie seine Gedanken zu sezieren, darunter auch „Montage of Heck“, die vergangenes Jahr erschien. Seziert wird in „Last Days“ nichts. Angenehm. Aber wie gesagt: Es geht darin ja nicht um Cobain, sondern um den Niedergang eines x-beliebigen Rock’n’Roll-Klischees. 😉

Fazit: Wer auf Grunge und Filme ohne Handlung steht, kann mit „Last Days“ sicherlich etwas anfangen.

Tipp: Bis 14. April 2016 ist „Last Days“ noch in der Mediathek von arte.tv zu sehen.

Schönste Einstellung:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=rShdRx2zhRs

„Last Days“ (USA 2005). Ab 12 Jahren. Von Gus Van Sant (Regie, Drehbuch und Schnitt). Mit Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento und mehr. 97 Minuten.

Laub und Eiskristall

Sie erzählt, wie sie frühmorgens um vier nicht mehr schlafen kann. Um fünf kriecht sie aus ihrem Bett, tastet nach dem Lichtschalter. Sie zieht sich an, warm, mit Jacke und Mütze, und schleicht hinab ins Erdgeschoss. Vorbei am Zimmer ihres Bruders. Im Dunkeln. Ihre leisen Schritte wie ein pochendes Herz. Dumpf und entschlossen. Die Kamera wartet schon auf der Wohnzimmerkommode.

Draußen ist es noch dunkel. Frische Morgenluft peitscht ihr ins Gesicht. Es riecht nach Winter mit einem Hauch von Frühling. Eigentlich wollte sie Tau oder Frost auf dem Laub des letzten Herbstes fotografieren, doch dafür ist es längst zu warm. Es beginnt zu dämmern, als sie die Straße entlang geht. Der letzte Rollsplit, der vom Winter übriggeblieben war, knirscht unter ihren Lederstiefeln. Sie verschwindet aus dem Lichtkegel der einen Straßenlampe und taucht im Lichtschein der Nächsten wieder auf. Die Schultern hochgezogen, die Hände tief in der Jackentasche vergraben. Schwerfällig baumelt die Kamera um ihren Hals hin und her, im Takt der Schritte.

Es kommt nicht oft vor, dass sie vor Sonnenaufgang nicht mehr schlafen kann. Meist bleibt sie wach, bis sich hinter ihrer herabgelassenen Jalousien langsam die Konturen der Welt da draußen bilden. Sie liegt in ihrem Bett, oft stundenlang, starrt wie hypnotisiert in den Bildschirm ihres Laptops, scrollt durch Timelines, schreibt, liest. Auch dann, wenn der Bildschirm vor ihren Augen verschwimmt, hört sie damit nicht auf.

Abgebrochene Weizenhalme, Verdorrtes, Erfrorenes – als sie das nackte Feld betritt, steigt sie über die toten Reste der Ernte des letzten Jahres. Die braune Erde ist vom Winter hart wie Beton. Schmutzige Steine ragen wie Zacken aus dem grau-braunen Boden. Daneben ihre Spur von gestern und vorgestern. Kein Laub. Keine glitzernden Eiskristalle. Kein Baum weit und breit, nur die roten Dächer, die in der Talsenke verschwinden. Heute sind sie noch grau vom Dunkel der Nacht. Sie zieht den Schal etwas höher, atmet feucht in die weiche Wolle. Heute ist sie wieder ein dünner, dunkler, horizontaler Strich auf den waagrechten Linien des Ackers.

Wenn sie mittags nicht aufstehen will, bilden sich tiefe Falten im Gesicht ihrer Mutter. Je öfter es passiert, desto dunkler ihr Blick. Also lässt ihre Augen lieber geschlossen. Sie will sie nicht sehen. Die Sorgen der anderen. Die Sorgen ihretwegen. Das mit dem Aufstehen, das ist so eine Sache. Ein Problem. Schon seit einiger Zeit. Vielleicht ist es schon viele Jahre her, als sie angefangen hat, im Bett zu bleiben. In einer wohlig warmen Höhle, weit weg von der Schule, von den kurzen Wochenenden. Sie hasst es, wenn ihre Mutter morgens Cornflakes isst. Wie sich Milch in ihren Mundwinkeln sammelt. Wie sie auf den Getreideflocken herumkaut, wie sie schlürfend die Milch austrinkt. Dieser Lärm ist unerträglich.

Also bleibt sie im Bett, wenn sie eigentlich zur Schule müsste. Zur Schule hätte müssen. Seit sie nämlich liegen geblieben ist, ist sie von der einen Schule geflogen. Und dann von der nächsten. Und der nächsten. Aber solange sie liegenbleibt, ist es ihr egal.

Sie sollte ein andermal nach Laub und Eiskristallen suchen. Irgendwo, an einem Ort, wo Bäume wachsen. Warum nur kehrt sie immer auf dieses Feld zurück? Ihre Nase fängt an zu laufen. Sie zieht Rotz und kalte Märzluft hoch. Die Dächer sind rot. Keine Spur mehr von grau. Es wird Zeit wieder zurückzugehen. Zu dem Haus mit dem kleinen Garten, der hellen Holzverkleidung und dem Fenster, aus dem Nachts ein klein wenig Licht kriecht. Jede Nacht. Immer.

Nr. 461 in „Tausend Tode schreiben“

Tausend verschiedene Texte über den Tod ergeben ein Bild davon, wie wir heute in unserer Gesellschaft der Tod sehen. Das zumindest findet Verlegerin Christiane Frohmann (Frohmann Verlag). Sie hat das interaktive Ebook-Projekt „Tausend Tode schreiben“ ins Leben gerufen, an dem sich im Grunde jeder beteiligen kann. Neben Texten von Clemens J. Setz, Stefan Mesch, Sarah Berger (@milchhonig), @akkordeonistin, @KatiKuersch, @NeinQuarterly oder Margarete Stokowski, kommen darin auch No-Name-Autoren (wie ich) zu Wort. Hier mein Beitrag zu #1000Tode.

(Ich bin über jede Kritik und Meinung sehr dankbar. In der Nachbetrachtung finde ich meinen Text nämlich nicht sonderlich gelungen. Vielleicht geht es euch genauso und ihr habt eine Idee, woran das liegen könnte.)

461

 

Mit acht besuchte sie zum ersten Mal eine Beerdigung.

Sie hat ihr grün gemustertes Sonntagskleid gewaschen, ausgewrungen und an die leere Wäscheleine zwischen den Apfelbäumen gehängt. Hin und wieder hat sie am Kleidzipfel getastet, ob es schon getrocknet war. Dann hat sie es auf dem Küchentisch ausgebreitet, das Bügeleisen erhitzt und es vorsichtig über die Fältchen gleiten lassen. Besagtes Sonntagskleid hat sie auch getragen, als sie mit Vater und Mutter aus der Messe zurückgekehrt ist. Der Geruch von Weihrauch brannte noch in ihrer Nase. Vater hatte auf seinem Sessel Platz genommen, Mutter das Hähnchen mit Fett eingestrichen, als es klopfte. Es war Tante Anna, ganz käsig im Gesicht. Vater sprang auf, Mutter legte den Pinsel beiseite und sperrte die Küchentür ab.

Sie saß auf dem Teppich im Wohnzimmer. Vor sich hatte sie ihre vier Puppen liegen. Sie war zusammengezuckt, als Mutter die Tür schloss. Es war abrupt still geworden. Kaum hörbar kroch ein gedämpftes Wimmern aus der Küche. Mit herabgefallenen Augenlidern lagen die Puppen vor ihr. Maria ganz links, mit dem buschigen roten Haar. Ihre rosa Lippen lächelten. Rechts daneben Pauline. Zwei geflochtene Zöpfe umspielten ihr porzellanfarbenes Gesicht. Die gute Merle mit ihren verblichenen Augenbrauen. Ann-Kathrin, ganz rechts, der Kopf viel zu groß für ihren Körper. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie Ann-Kathrin. Sie hatte diese Puppe nie wirklich gemocht. Das Wimmern aus der Küche wurde lauter, bis ihr Vater den Besuch mit einem Pscht! zur Ruhe drängte. Das Kind, mochte er gesagt haben in der Vorstellung seiner Tochter. Es muss doch nicht alles mitbekommen. Ist doch noch viel zu klein.

Zu klein wofür?, fragte sie sich. Zu klein für Anna und ihr Wimmern? Zu klein für abgesperrten Küchen? Sie griff nach Pauline. Sobald sie die Pauline nach vorne kippte, öffnete diese ihre honigbraunen Augen. Sie sah fröhlich aus. „Bist du eigentlich auch mal traurig?“, fragte sie Pauline. Mit einem Mal kam es ihr komisch vor, auf Paulines Antwort zu warten. Schließlich war es ja sie selbst, die immer anstelle von Pauline mit verstellter Stimme geantwortet hatte. Jetzt fand sie es plötzlich seltsam. Sie legte Pauline zurück neben Merle. Merle hatte immer bei ihr im Bett gelegen. Wenn sie abends nicht hatte einschlafen können, hatte ihr Merle beruhigende Worte zugeflüstert. Jetzt, da sie Merles versteinerte Miene betrachtete, fühlte sich alles falsch an. Niemals hatte ihr diese Puppe ins Ohr geflüstert. Sie selbst war es gewesen. Noch nie zuvor war sie auf einer Beerdigung gewesen, doch nun hatte sie eine genaue Vorstellung davon, wie eine aussah. Wie aufgebahrte Leichen lagen die vier Puppen vor ihr. Nie mehr würde sie ihnen ein Wort entlocken. Nie mehr würden sie antworten, denn alle Antworten waren bloß ihre eigenen Worte. An diesem Sonntagmittag hatte sie ihre vier besten Freundinnen verloren. Zwei Tage später brachte sie in ihrem Sonntagskleid einen großen Karton hoch zum Dachboden.

Backtherapie

Wie mir stupides Plätzchenbacken dabei hilft, mit der Welt klar zu kommen…

Vor einer Woche habe ich das Plätzchenbacken für mich entdeckt. Es war ein Samstag, meine Schwiegermutter und ich hatten uns drei Sorten vorgenommen: Spitzbuben mit süßer Marmelade, Hausfreundchen mit Marzipan und Schokoladenherzen mit Mandeln. Mit ihr zu backen, ist äußerst angenehm. Sie kramt ihre alten, vollgekleckerten Rezeptbücher hervor und gibt Anweisungen, die ich befolge, ohne darüber nachzudenken.

Ich mag Backen deswegen so gerne, weil sich alles andere in meinem Leben momentan nicht danach anfühlt: Kopf aus, einfach machen und sehen wohin es führt. Mein Kopf rattert in letzter Zeit unaufhaltsam. Er beschäftigt sich mit empirischen Methoden, Utilitarismus, er stellt sich auf der Suche, wie wir die Klickzahlen unseres Uniblogs erhöhen, so lange auf den Kopf, bis mir schlecht wird. Wenn ich Filme ansehe, gehe ich in Gedanken die Mitschrift aus Filmanalyse durch. Nach all dem Input leuchtet freitags ein rotes Lämpchen in mir auf, um mir zu signalisieren, dass gerade alles zu viel ist und mein Gehirn eigentlich gar nicht versteht, worum es geht.

Der Input ist nicht mein einziges Kopfproblem. Ich zweifle an meiner Leistung und frage mich, ob es möglich ist, dass ich am dritten Semester scheitere? Die anderen machen es doch mit Links! Sie schaffen es, sich täglich den perfekten Lidstrich zu ziehen, während ich mich unausgeschlafen und voller Sorgen über den Campus schleppe.

Irgendwas läuft schief. Vielleicht liegt es auch an mir. An meinem Selbstbewusstsein, das seit mehr als zehn Jahren einer Dauerbaustelle gleicht, für die man die Fördermittel gestrichen hat. Nach so vielen Jahren steht erst der Grundriss, es wurde mächtig gepfuscht. Besonders klein wird dieses Selbstbewusstsein in dieser Akademikerwelt, in die ich als Nicht-Akademikerkind auch noch freiwillig gesprungen bin. In meinem Kopf wachsen düstere Zukunftsszenarien, in denen ich mit abgebrochenem Studium wieder in meinen Ausbildungsbetrieb zurückkehre – wenn ich da nicht schon längst ersetzt worden bin.

Kopf- und Bauchschmerzen. Dann kommt letzten Samstag dieses Plätzchenbacken. Mein Kopf ist plötzlich weit weg von all dem Unikram, den Selbstzweifeln und der Zukunft. Es geht nur noch um den Teig. Um das Mehl, das ich mit Eiern, Butter und Zucker und geschmolzener Schokolade vermische. Es geht um Kneten. Kneten wirkt Wunder. Kneten ist wie ein Ventil. Genauso das Ausrollen. Mit dem Nudelholz breite ich die Masse vor mir aus. Erst horizontal, dann waagerecht, dann wieder horizontal. Beim Ausstechen der Plätzchen sehe ich den ersten Rohentwurf – unsere Arbeit nimmt an Form an, sie bekommt ein Gesicht. Wir belegen Bleche mit Plätzchen, schieben sie in den Ofen, neun Minuten, dann die nächsten. Auf der kleinen Herdplatte schmilzt dunkle Schokolade in einem Topf vor sich hin.

Es mag unglaublich klingen, aber wenn der Kopf voller Kram ist, macht es einem sogar Spaß, Mandeln zu schälen. Wir übergießen sie mit heißem Wasser, lassen sie kurz darin und nehmen uns je eine Handvoll. Wir reiben die Mandeln in unseren Handflächen, bis die braune Schale sich wie von selbst von der Nuss löst. Dann halbieren wir die Mandel.

Später landen sie in der Mitte der Herzen, die wir dick mit Schokolade bestrichen haben. Sie sind wunderschön geworden. Genauso wie die Spitzbuben und Hausfreundchen.

 

Novemberabend

Die Novemberluft streicht mit ihren kalten Fingern über meine Wangen, als ich aus dem beheizten H&M trete. Vor mir die Kaufingerstraße in der Dämmerung, mit all ihren Menschen. Ich begebe mich in die Masse, wie ein Meeresstrom zieht sie mich in Richtung Marienplatz, vorbei an den Klamottenläden und ihren Elektrobeats. Eben habe ich 40 Euro für eine High-Waist-Jeans ausgegeben. Ich konnte das Geld gerade noch dafür zusammen kratzen.

Marienplatz. Ich zwänge mich durch die kleinen Lücken, vorbei an einem attraktiven Paar. Am Brunnen angelangt drehe ich mich so, dass ich die beiden aus der Ferne beobachten kann. Er trägt einen Zweireiher und eine elegante Ledertasche, sie einen knielangen kirschroten Filzmantel. Vielleicht haben sich die beiden im Büro kennengelernt, vielleicht ist sie Studentin und er ihr Dozent? Sie sind bestimmt schon einige Jahre zusammen, streiten selten. In letzter Zeit machen sie sich Gedanken, wie es weitergehen soll. Wird sie nach Hamburg gehen und ihn in München zurück lassen?

Gleich in der Nähe des Brunnens hat sich eine Gruppe Musiker niedergelassen. Ein Bassist, eine Geigerin, einer mit Harmonie, ein Gitarrist und ein Trommler – für mich klingen sie nach Amélies fabelhafter Welt. Von der Seite tippt mich meine Freundin an. Ich drehe mich zu ihr, wir umarmen uns wortlos und lächeln dabei. Eine lila Wollmütze und ein dicker, grauer Schal verdecken ihr Gesicht fast gänzlich. „Gehen wir einen Kaffee trinken“, sagt sie, nimmt mich am Arm und zieht mich Richtung McDonalds. Dort setzen wir uns mit unseren Pappbechern auf zwei einsame Hocker, schälen uns aus den Jacken und lassen Zucker in den Kaffee rieseln. Es riecht nach Fett, getoasteten Burgerbrötchen und gerösteten Kaffeebohnen. Wir reden. Während auf der anderen Seite der großen beschlagenen Fenster die Stadt mit ihren Bewohnern, Lichtern und Lärm an uns vorbeizieht. Meine Freundin meint, sie wolle ihren Studiengang wechseln. ,,Ich möchte freier sein, kreativer. Und weniger lernen.“ Insgeheim plagt sie die Einsamkeit. Ihre Mitbewohner sind zehn Jahre älter als sie und sehr beschäftigt. Sie finden einfach keine gemeinsamen Gesprächsthemen. Ich stelle mir vor, wie meine Freundin in ihrem Zimmer sitzt, vielleicht im dritten Stock, mit Blick auf den kahlen Kastanienbaum im Hinterhof. Sie zeichnet etwas an den Rand ihrer Mitschrift. Eine dunkelhaarige Frau, die traurig aus dem Fenster sieht.

Manchmal, sagt sie, trifft sie sich mit einem ehemaligen Klassenkameraden, der hier in München Physik und Mathe studiert. Einmal hat er versucht, ihr die Liebe mittels mathematischer Formeln zu erklären. Sie wollte es nicht hören. ,,Ich glaube an die Romantik“, erklärt sie mir, nickt dabei überzeugt und rührt in ihrem Kaffee. Wir reden über die anderen, die wir seit dem Abitur kaum noch getroffen haben. Darüber, was sie jetzt machen. Wir reden über die Orientierung, die uns beiden verloren gegangen ist. Dann nehmen wir einen letzten Schluck, schlüpfen in unsere Jacken und gehen zurück in die vorwinterliche Großstadt. Wir umarmen uns zum Abschied, unsere Haare riechen nach abgestandenem Frittierfett. „Wir finden unsere Orientierung wieder“, sage ich zu ihr und versuche dabei optimistisch zu klingen. „Früher oder später.“