Im Nirgendwo

Der schönste Moment eines Tages ist sein Anbruch. Wenn der schwarze, mit Sternen gesprenkelten Nachthimmel langsam in Blau übergeht und sich am Horizont eine rosafarbene Linie bildet. Ich habe diesen Moment häufig erlebt, doch nie war ich mir seiner Schönheit so bewusst, wie an jenem Morgen nach dem Abend unserer ersten Begegnung. Ich erinnere mich genau. Meine kalten Füße sind es, die mich zum richtigen Zeitpunkt wecken. Bei Morgenanbruch sinkt die Tagestemperatur auf ihr Minimum, hab‘ ich gelesen. Und ich glaube, das ist Absicht, weil der Tag uns wecken will, damit wir diesen einen Moment spüren, der sich vor den Morgen und seine Geschäftigkeit schiebt. Dieser eine Augenblick, in dem der Motor aussetzt, ehe er beschleunigt. Und die Zeit kurz rückwärts geht.

Ich ziehe die kalten Füße näher an meinen Körper, der sich an den unbequemen Beifahrersitz schmiegt. Nehme einen tiefen Atemzug. Die Luft riecht abgestanden, ein bisschen nach Leder und Imprägnierspray, nach alten Turnschuhen und Tequila-Atem. Vermischt mit dem Grundgeruch eines Autos, bei dem sich mir als Kind immer der Magen umgedreht hatte. Ich öffne die Augen. Vor mir setzt sich verschwommen ein Mikrokosmos aus staubigem Armaturenbrett, verschmierter Windschutzscheibe und verstummtem Autoradio zusammen. Hinter der Scheibe die Motorhaube mit dem Hagelschaden im Lack, der mich an sonnenverbrannte Haut erinnert. Und dahinter das vom Tau nasse Gras, das in seiner Summe eine Wiese ergibt. Auf dem Hügel einer endlosen Sinuskurve bis zum Horizont. Dem Horizont mit dem rosa Streifen.

Du liegst auf dem Fahrersitz, hast dich hinter dem Lenkrad klein gemacht, mit dem Gesicht zu mir gewandt. Du trägst nur Socken und ich hoffe, die Kälte weckt dich bald genauso wie mich. Ich betrachte deine Gesichtszüge, deine konturlosen Augenbrauen, die Schatten unter den geschlossenen Augen. An einer Schläfe kleben noch die Reste vertrockneter Wimperntusche, die du dir müde von den Wimpern gerieben hast. Deine Haut reflektiert das Blau und das Rosa des Himmels. Nur ganz leicht.

Hinter mir das Geräusch von nackter Haut, die sich bewegt und dabei gelegentlich am Ledersitz kleben bleibt. Ich habe fast vergessen, dass noch jemand mitgekommen ist, um mit dir und mir ins Nirgendwo zu fahren und alles zu vergessen.

Das Runkel

Der nachfolgende Text war als spontanes Weihnachtsgeschenk für meine Oma gedacht. Als Inspiration dienten Sagen aus dem Bayerischen Wald und „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende; außerdem Erzählungen und Anekdoten von Verwandten, Bekannten und Freundin. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Geschichte so gefällt. Aber der großmütterlichen Rückmeldung zufolge gefiel sie zumindest der Beschenkten. Und das ist die Hauptsache. (Ich bitte etwaige Tippfehler zu entschuldigen, der Text ist leider unredigiert.) Viel Spaß all jenen, die sie lesen möchten ❤


Für Oma.

Dezember 2016

Drei Tage vor Weihnachten war ganz Nünleinshütt in Aufruhr. Die jüngste Tochter von Ignaz Koller war spurlos verschwunden. Niemand wusste seit wann, niemand wusste wohin. Einzig das Warum schien klar, schließlich war Toni, so hieß die Kleine, dafür bekannt, sich gerne zu verstecken.

Toni Koller war erst fünf. Die Kollers lebten als Inwohnerfamilie auf dem Lemberger-Hof in Nünleinshütt, einem kleinen Dorf im hintersten Winkel eines großen Waldgebietes. Wer in Nünleinshütt wohnte und keinen Hof oder Wald besaß, verdiente sich als Knecht oder Magd den Lebensunterhalt. So auch Ignaz Koller und seine Ehefrau Zenz. Die aufkeimenden Gefühle, die der junge Knecht für Zenz empfand, überdauerten zunächst einen Krieg, der Ignaz mit 17 an die Westfront rief. Von einem Tag auf den anderen legte er seine Arbeit nieder und verließ zum ersten Mal sein Heimatdorf. Zenz winkte ihm schüchtern zum Abschied, auf ihrem Gesicht ein dunkler Schatten. Ihr Ausdruck erschien Ignaz wenige Wochen später erneut im Schützengraben. Ergriffen von der plötzlichen Erscheinung seiner Liebsten stand er aufrecht in seiner geistigen Abwesenheit da, ehe ihn ein Kamerad zu Boden riss und ihn so aus der Flugbahn einer feindlichen Kugel zog. Nie hatte Ignaz seinen Retter gesehen und doch versuchte er sein Leben lang eine Erinnerung an ihn heraufzubeschwören. Erst auf seinem Totenbett sollte ihm dessen Name Erich in den Sinn kommen, doch völlig zusammenhanglos und ohne, dass seine Angehörigen damit etwas anfangen konnten.

Unversehrt und doch sehr mitgenommen kehrte der magere Knecht als erschöpfter Mann aus dem Krieg heim. Auf dem Lemberger-Hof erkannte man Ignaz zunächst nicht, mit Ausnahme von Zenz, die mit einem Strauß Heidekraut auf ihn gewartet hatte. Der Anblick des Todes hatte seine Augen traurig werden lassen und zwei tiefe Falten zwischen seine dunklen Augenbrauen gebrannt und doch bewirkte das Heidekraut, dass ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte. Wenig später hielt Ignaz um die Hand der Magd an und führte sie an den Traualtar. Voll Zuversicht, da der Krieg sich dem Ende zugeneigt hatte. Unwissend, dass es einen zweiten geben würde, der viel schlimmeren Ausmaßes war.

Die Zeit der Schützengräben war vorbei, die nachfolgenden Winter blieben hart. Auf dem Lemberger-Hof arbeiteten die Knechte und Mägde unentwegt und in den wenigen Verschnaufpausen entstanden Familien. Schon während der Trauung wusste Zenz, dass sie einen Sohn erwarten würde – zu jenem Zeitpunkt befand sich der kleine Franz noch in einem Stadium, in dem er mehr einem Schwein als einem Menschen ähnelte. Sobald er geboren wurde, merkte man davon natürlich nichts mehr.

Das junge Ehepaar hatte Glück: Ihm fielen eine Stube und zwei kleine Schlafkammern auf dem Hof zu. Die Räume lagen ebenerdig und waren spärlich eingerichtet, der Boden nicht mehr als platt getretene Erde und ein einziges quadratisches Fenster in etwa so groß wie Ignaz‘ Kopf ließ ein wenig Sonnenlicht herein. Die Schlafkammern waren mit abgetretenen Teppichen ausgelegt und fensterlos, weswegen man sich ohne Kerze nicht in ihnen zurecht fand. Manchmal glaubte Zenz in deren Dunkelheit Gestalten zu erkennen und nachts hoffte sie, dass ihr Mann mit seinem lauten Schnarchen sie vertreiben würde. Die zweite Schlafkammer war nur halb so groß wie das Schlafzimmer, sollte aber bald vier Kinder beherbergen.

Franz, der erste Sohn der Kollers, machte gerade erste Schritte in der Stube, als bei Zenz Wehen einsetzten. Eilig stapfte die Obermagd zu den Hofbesitzern, die, erschöpft vom Heuwenden, ihre Abendsuppe löffelten. Juni und Juli waren im Jahr 1920 so trocken und heiß, dass die Nünleinshütter den Herrgott in ihren abendlichen Gebeten baten, es endlich regnen zu lassen. Die Hitze machte auch der hochschwangeren Zenz zu schaffen. Ihr braunes, dünnes Haar klebte in feinen Strähnen an ihren nassen Schläfen, auf ihrer Nase traten dicke Schweißperlen hervor. Selbst in der kühlen Kellerstube war es für Zenz Koller nicht kühl genug. Als die Wehen einsetzten, war ihr Bauch dick angeschwollen und kleine Äderchen zierten wie Flüsse auf einer Landkarte ihre gedehnte Haut.

Mit Frau Lemberger hatte Zenz eine erfahrene Geburtshelferin an ihrer Seite. Sie war bei der Geburt von Franz dabei, hatte selbst acht Kinder zur Welt gebracht und insgeheim war es ihre liebste Beschäftigung auf dem Hof, der Geburt junger Kälber, Fohlen und Menschen beizuwohnen. Sie mochte den säuerlichen Geruch, den frischgeborene Säugetiere anfangs an sich trugen. Die Geburt von Ignaz jedoch überforderte selbst die Bäuerin. Behutsam bettete sie Zenz Koller in das Bett im stockdunklen Schlafzimmer und befahl den Mägden, so viele Kerzen wie nur möglich anzuzünden. Umgeben von einem Lichtermeer kam das Kind Stück für Stück zum Vorschein. Die Nabelschnur war zweimal um seinen Hals gewickelt und versuchte ihn, einer Würgeschlange gleich, zu erdrücken. Die Mägde hatten das Geschehen vom Türrahmen aus beobachtet. Beim Anblick der engen Nabelschnur erschrak eine und stieß versehentlich eine Kerze um, die den Teppich vor dem Bett in Flammen aufgehen ließ. „Ach du meine Güte!“, rief Frau Lemberger. Mit ihren kräftigen Fingern versuchte sie die Schnur um Ignaz‘ Hals zu lockern, während das Feuer bereits ihren Rockzipfel ansengte. Zwei Mägde stampften auf den Flammen herum, doch sie schafften es nicht, sie zu tilgen. Als das Feuer den Rockzipfel der Bäuerin hochwanderte, versuchte diese reflexartig mit dem Kind in den Händen aus der Kammer zu laufen, was zur Folge hatte, dass sich die Nabelschnur noch enger um den kleinen Hals zog.

Es war eine verflixte Geburt und wer hätte gedacht, dass es die Obermagd sein würde, die dem Durcheinander ein Ende machte? Gerufen von hysterischen Schreien stampfte sie in die Koller-Stube, schob die Mädchen unsanft auseinander und nahm beide Ecken des brennenden Teppichs. Die Bäuerin stolperte zur Seite, die Obermagd klappte den Teppich zusammen und erstickte die Flammen unter seinem dicken Stoff. Mit einem „Es tut mir leid, Frau Lemberger, aber ich muss!“, zog sie ihrer Chefin den Rock herunter, lief damit in den Hof hinaus und trampelte auf den Flammen herum, bis sie erloschen. Im angekokelten Unterrock gelang es Frau Lemberger schließlich die Nabelschnur zu lockern, sie mit einem Messer zu durchtrennen und dem Kleinen ein Weinen zu entlocken.

Ignaz Koller kam zu spät zur Geburt seines zweiten Sohnes. Er war mit Herrn Lemberger und drei Knechten im Wald unterwegs, um zwei Fichten zu fällen. Mit dem Holz sollte die große Scheune am Lemberger-Hof ausgebessert werden. Als die Männer zurückkehrten, hielt man Ignaz ein kleines Knäuel hin, das fortan seinen Namen trugen durfte. Vielleicht lag es daran, dass sie Namensvetter waren – jedenfalls verband Ignaz und seinen zweiten Sohn ein Leben lang tiefe Freundschaft. Aus den Holzüberresten, die nicht mehr gebraucht wurden, zimmerte sich der junge Vater eine Bank und stellte sie wenige Tage nach der Geburt unter der Linde am Hofeingang auf. Auf ihr verbrachten die Kollers noch viele Sommerstunden, dabei zusehend, wie die dunklen Wälder in der abendlichen Dämmerung langsam eins mit dem blauen Himmel wurden.

Die Jahre verstrichen und das Land erfreute sich wirtschaftlichen Aufschwungs. In den Städten viele Wegstunden entfernt tanzte man Charleston und ging ins Lichtspielhaus. Frauen trugen ihr Haar kurz, rauchten in der Öffentlichkeit und entschieden sich, weniger Kinder zu bekommen. In Nünleinshütt bekam man von all dem nur sehr wenig mit. Zenz trug ihr langes Haar pragmatisch zu einem Knoten aufgerollt und Gedanken über ihr Rollenbild als Mutter erstickte sie in Windeseile wieder im Keim.

Die Goldenen Zwanziger, wie diese Zeit später genannt wurde, endete in einer Weltwirtschaftskrise. Da hatten die Kollers bereits vier Kinder. Zu Franz und Ignaz junior kamen Elisabeth, genannt Else, und Antonia, genannt Toni, hinzu. Womit wir nun endlich bei der kleinen Toni wären. Toni unterschied sich in ihrem Charakter sehr von ihren Geschwistern. Das dünne, blasse Mädchen entwickelte bald eine Neigung dazu, sich vor Menschen zu verstecken. Den ganzen Tag durchforstete sie den Lemberger-Hof nach geeigneten Schlupfwinkeln und es schien ihr egal, wenn sie aus Sicht der Hofbewohner äußerst ungeeignet waren. Toni war überaus schüchtern, am liebsten sprach sie mit niemandem. Und sie hatte einen äußerst starken Willen und tat, wonach ihr der Kopf stand.

Unweit vom Hof entfernt entdeckte die Fünfjährige einmal einen alten Fuchsbau. Ihr neues Lieblingsversteck. Der Höhleneingang war gerade so groß, dass Toni sich ein Nest bauen konnte. Sie brachte ihr Kopfkissen in die Höhle und legte den Boden mit Strohbüscheln aus, die sie aus der Scheune mitgehen ließ. An manchen Nachmittagen schlief sie dort. Zenz suchte vergebens nach Tonis Kissen, gab es bald auf und nähte ihr eines aus ihrer alten Küchenschürze. Währenddessen füllte sich die kleine Höhle mit steinharten Brotresten, einer Sammlung aus weißen Kieselsteinen und verwelktem Heidekraut, mit dem Toni die rissigen Wände dekoriert hatte. Die Brotkrumen lockten bald Kaninchen an und als Toni deren Köttel im Stroh entdeckte, beschloss sie Tierbeobachterin zu werden. Sie versteckte sich im Gebüsch ganz in der Nähe, und sah den Nagern dabei zu, wie sie in ihre Höhle huschten, bis ihnen eines Tages Herr Lemberger mit der Jägerflinte folgte. „Was ist denn das?“, staunte er, als er das von Menschenhand gemachte Nest sah. Toni konnte ihr Kichern kaum unterdrückten, wurde von Lemberger entdeckt und unsanft am Kragen zum Hof gezerrt. „Nichts als Ärger machst du uns, kleine Toni!“, schimpfte er sie und später schüttete er mit ihrem Vater die Höhle samt Einrichtung zu. Toni musste Ignaz versprechen, nie mehr in einen Fuchsbau zu kriechen. „Wehe dem Fuchs, der dich da findet und dich beißt!“, wedelte er mit drohendem Zeigefinger vor ihr herum, ohne auf Tonis Widerrede vorbereitet zu sein. „Dann beiße ich eben zurück“, entgegnete sie ihm trotzig. „Halt dein freches Maul!“ Ignaz holte schon zu einer Ohrfeige aus, als Zenz ihn zur Nachsicht ermahnte: „Es bringt doch nichts.“ Und er ließ die Hand fallen. „Hast du denn vergessen, wer alles in den Höhlen lebt? Schratzel, Bären, Geister, vielleicht der Teufel!“, versuchte Ignaz ihr Angst einzujagen. Was er nicht wusste, vielleicht, weil er sich nie für die Eigenheiten seiner Tochter interessiert hatte, war, dass sie keinerlei Angst vor seinen dunklen Sagengestalten verspürte. Sie hatte sie alle schon gesehen – in den dunklen Ecken des Hofes und in der Schlafkammer der Eltern. Anders als ihre Mutter wagte sich das Mädchen ohne Kerze hinein, um die Gestalten genauer zu betrachten. Manchmal glaubte sie, einen Säugling zu sehen, um dessen Hals eine blaue Würgeschlange gewickelt war.

In Nünleinshütt hatte sich die Geschichte der kleinen Toni und ihrer Schlafstätte im Fuchsbau schnell verbreitet. Das Mädchen suchte sich in Zwischenzeit ein neues Versteck: Unter ihrem Bett. Tagsüber war kaum jemand in der Stube, geschweige denn im Kinderzimmer anzutreffen. Die Eltern arbeiteten am Hof, Franz, Ignaz und Else halfen gelegentlich mit. Franz war zu einem kräftigen Burschen herangewachsen, sein blonder Haarschopf dunkelte über die Jahre nach und bald sah er mit seinem aschblonden Kurzhaarschnitt wie der Vater aus. Ignaz junior hingegen wuchs seit jeher dunkles, dickes Haar, das er sich später als Erwachsener mit einer Pomade nach hinten kämmen würde. Else schien wie durch ein unsichtbares Band mit ihrer Puppe Maria verbunden zu sein. Selbst in die Schule, zu der die drei Geschwister gemeinsam gingen, nahm Else ihre Puppe mit. Der Schulweg führte die Kinder vom Hof unmittelbar hinein in den Wald und mitten durch die Heidelbeersträucher, die im Sommer an ihre nackten Beine kratzten. Das Schulhaus fiel mit einem einzigen Klassenzimmer sehr klein aus. Für die Nünleinshütter reichte es gerade so, gab es ihm Dorf doch nur knapp 40 schulpflichtige Kinder (und acht davon kamen vom Lemberger-Hof). Dicht an dicht gedrängt saßen sie im Klassenzimmer, lernten lesen und schreiben und bekamen rissige Hände von den trockenen Kreiden, mit denen sie auf Schiefertafeln das Alphabet malten.

Ignaz und Zenz waren glücklich mit ihrer Wohnung, auch wenn es im Winter trotz des glühenden Ofens schrecklich kalt darin wurde. „Das sind halt die Waldwinter“, pflegte Ignaz zu sagen, weil er es nicht anders kannte. In den Wintermonaten weckte Zenz die Kinder vor Sonnenaufgang mit einer Tasse warmer Milch, auf der sich dicke Haut gebildet hatte und die Kinder tunkten zum Frühstück eine Scheibe Brot hinein. Der Weg zur Schule war aufgrund der Schneemengen beschwerlich, auch wenn die Wipfel der Fichten viel von den dicken Flocken auffingen. Die Kinderschuhe hielten weder Wasser noch Kälte ab, nur die Wollsocken spendeten ein bisschen Wärme, zumindest bis sie vollkommen nass waren. Ausnahmslos jedes Dorfkind holte sich mindestens einmal pro Winter eine schlimme Erkältung, manchmal sogar zwei.

Um Wintersonnenwende war der Wald, durch den Franz, Ignaz und Else marschierten, morgens stockdunkel. Auf einen dieser Tage fiel ein letzter Schultag vor den Weihnachtsferien. Inmitten des Lemberger-Hofes kündete eine mit golden bemalten Walnüssen behangene Tanne vom bevorstehenden Weihnachtsfest. In der Schule hatte man für den letzten Tag ein kurzes Krippenspiel einstudiert, das die Kinder für sich selber aufführten. Else durfte Maria spielen. Im Schein der Kerze wiederholte sie in der Stube ihre Verse unter genauer Beobachtung ihrer kleinen Schwester Toni. „Lasst uns ein, werter Herr!“, rezitierte Else mit monotoner Stimme. „Ich… wir…“ Sie warf nochmals einen Blick auf ihre Zeile, die sich einfach nicht einprägen ließ. „Wann ist denn dieses Krippenspiel?“, fragte Toni ungeduldig. „Morgen, aber davon wirst du nichts mitbekommen, Toni, schließlich gehst du noch nicht zur Schule“, meinte Else und besann sich wieder auf ihren Text. Zenz rührte gerade in der Milchsuppe, die auf dem Herd vor sich hin kochte und säuerlich duftete, während Ignaz sich das von der Arbeit schmutzige Gesicht mit Wasser abwusch und die Buben mit zwei Ästen als Degen kämpften. „Darf ich mit zur Schule?“, bohrte Toni nach. „Viel zu klein“, murmelte Ignaz, nicht gefasst auf Tonis Widerrede mit trotzig verschränkten Armen: „Gar nicht bin ich zu klein!“ – „Du sollst nicht immer deinem Vater widersprechen“, ermahnte Zenz sie, nahm den Topf vom Herd und richtete das Abendessen an. Also widersprach Toni ihrem Vater fortan nicht mehr. Sie wandte sich mit traurigen Augen zum einzigen Fenster der Stube und versuchte draußen in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch alles, was sie sah, war ihr unglückliches Spiegelbild.

An jenem letzten Schultag war das Wetter milder geworden und der Schnee, der den Kindern bis zu den Knien reichte, wurde matschig. Franz, Ignaz und Else stapften im Gänsemarsch durch den Wald zur Schule, allen voran Franz mit einer Laterne. Else, ihren müden Blick auf Spuren geheftet, die Ignaz vor ihr im Schnee hinterließ, betete ihren Text als Maria herunter, nicht wissend, dass sie damit nicht nur die Waldbewohner weckte, sondern auch einem heimlichen Verfolger Orientierung in der Dunkelheit bot. Viele Schritte hinter den Dreien hüpfte Toni die Fußabdrücke ihrer Geschwister nach. Sie hielt den Abstand gerade so, dass der Lichtkegel der Laterne nicht mehr auf sie fiel und dennoch Elses Gemurmel zu hören war. Die nasse Kälte war längst in Tonis Knochen gefahren, doch die Aussicht auf die Schule trieb sie an. In ihrer Vorstellung sah sie ein großes Haus, viel größer als der Lemberger-Hof. Türme mit Zinndächern ragten an vier Ecken majestätisch empor und aus den großen Bogenfenstern flackerte helles Licht. Unbedingt wollte sie diese Schule sehen, also folgte sie ihren Geschwistern unbemerkt.

Nach dem ersten Hügel erkannte Toni aus dem Augenwinkel ein gelbes Augenpaar, das auf sie gerichtet war. Sie hielt inne. Nicht dass ein gelbes Augenpaar sie beunruhigte, im Gegenteil: Toni mochte Dinge, die sich im Dunkeln verbargen und das Funkeln zweier Augen nahm sie als Einladung wahr, zu ihnen zu kommen. Während sich Franz, Ignaz und Else samt Lichtschein, Schritte und Gemurmel langsam weiterbewegten, wandte sich Toni neugierig vom Weg ab. Sie wusste, sie würde mit den anderen schritthalten müssen, um zur Schule zu gelangen, doch die Augen winkten sie förmlich zu sich. „Nur ganz kurz“, nahm sie sich vor und kletterte einen nassen Schneeberg hoch, der sich am Rand des Weges aufgetürmt hatte. Ob sie nun einem Schratzel oder einem Bären gehören mochten, war Toni egal. Sie hatte keine Angst. Selbst die Sage vom Teufel mit den glühenden Augen jagte dem Mädchen keine Furcht ein. „Wir können doch Freunde sein“, murmelte sie freundschaftliche Worte in den dunklen Winterwald hinein.

Auf dem Lemberger-Hof fiel lange niemandem auf, dass die kleine Toni verschwunden war. Man hatte sich längst daran gewöhnt, dass sie sich stundenlang unter ihrem Bett versteckte und nicht gestört werden wollte. Doch als Else, die bereits von der Schule heimgekehrt war, nach ihrer Schwester sehen wollte, fand sie eine leere Schlafstube vor. „Unter‘m Bett ist sie nicht“, erwähnte sie eher beiläufig und reckte ihre von Kälte und Nässe geröteten nackten Füße Richtung Ofen. „Und in der anderen Schlafstube auch nicht.“ Zenz deckte seelenruhig den Tisch. „Sie hat wohl ein neues Versteck“, murmelte sie vor sich hin. Ignaz und die Buben suchten dennoch Hof und Scheune nach Toni ab, doch vergebens. „Wenn die sich wieder in einen Fuchsbau verkrochen hat, ich schwöre dir -“ – „Ach Schmarrn, Ignaz, als würde die Toni sich bei dem Wetter im Wald herumtreiben“, versuchte Zenz ihren Mann zu beruhigen. Bald war jedoch klar: Sie musste sich im Wald herumtreiben, denn selbst im Wohnhaus der Lembergers war keine Toni zu finden. Man rief die Knechte und Mägde zusammen und durchstreifte die Gegend. „Vielleicht ist sie uns nachgelaufen, als wir heute Morgen zur Schule sind“, kam es Else in den Sinn. Sie hatte sich an die Versen ihrer Brüder geheftet, die mit ihrem Vater jene Stelle absuchten, an der Tonis verschütteter Fuchsbau war. „Nachgelaufen?“ Ignaz hatte Elses Worte aufgeschnappt. „Wehe!“ Doch die Suche endete ergebnislos und langsam beschlich ihn das Gefühl, seine Tochter konnte recht haben mit ihrer Vermutung. Als schließlich die Dämmerung hereinbrach, schlug der Suchtrupp den Waldweg in Richtung Schule ein und tatsächlich stach ihm ein Schneehaufen ins Auge, über den sich die Abdrücke kleiner Stiefel zogen.

Wenige Meter dahinter kletterte Toni über einen entwurzelten Baum und lief direkt in die Arme ihres Vaters. „Was fällt dir ein!?“, brüllte er sie an, die Finger tief in die Arme des Mädchens gegraben. „Strolchst hier draußen herum wie ein wildes Tier, vollkommen durchnässt und halb erfroren!“ Der Suchtrupp sah wortlos zu, wie er seiner Tochter Vorhaltungen machte, bis Herr Lemberger ihn unterbrach: „Komm, lasst uns zurückgehen, schimpfen kannst du die Kleine auch daheim.“ Unsanft am Arm gepackt zog Ignaz Toni nach sich, gefolgt von Franz, Ignaz und Else. „Was hast du dir dabei gedacht?“, flüsterte Else ihrer kleinen Schwester zu. „Da war ein Runkel“, kam eine leise Antwort zurück. „Ein was?“ – „Ein Runkel.“ Else und ihre Brüder warfen sich verständnislose Blicke zu. „Toni, was ist ein Runkel?“, harkte sie nach. „Das darf ich dir nicht sagen“, behauptete Toni. „Wieso nicht?“ – „Hat das Runkel gesagt.“ Jetzt drängelte sich Ignaz junior vor. „Toni, es gibt kein Runkel und jetzt erklär uns, was du im Wald gemacht hast?“ Er klang sehr ungeduldig, fast schon wie sein Vater. „Für jemanden, der noch nie ein Runkel gesehen hat, bist du dir aber ganz schön sicher, dass es kein Runkel gibt“, entgegnete ihm Toni trotzig. „Weil es ja auch kein Runkel gibt.“ Tonis Augen verengten sich. „Oder kannst du es mir beweisen?“, stocherte Ignaz junior nach. „Ein andermal.“ – „Ha, sag ich‘s doch. Es gibt kein Runkel.“

Die Stimmung auf dem Hof hellte sich nur kurz auf, als der Suchtrupp mit Ignaz und Toni an der Spitze eintraf. Zenz entriss ihrem Mann die jüngste Tochter und drückte sie fest an sich. „Kind, du holst dir ja den Tod“, stöhnte sie auf, als sie Tonis kalten Gliedmaßen spürte. Ignaz schickte seine Familie in die Stube und ließ den ratlosen Suchtrupp auf dem Hof zurück. „Eine Tracht Prügel gehört dir“, donnerten seine Worte auf Toni herab, die mit Hilfe ihrer Mutter aus den nassen Klamotten schlüpfte und sich, in eine Wolldecke eingewickelt, vor dem Ofen niederließ. Als Ignaz merkte, dass seine Standpauke an Toni abprallte, wandte er sich seiner Frau zu und ließ seinen Frust über das ungezogene Mädchen an ihr aus. Während sich die Eltern einen Schlagabtausch lieferten, hielt Toni ihren Bruder Ignaz im Vorbeigehen an, einen ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt: „Beweise mir doch, dass es KEIN Runkel gibt.“ Sie wartete, die kleinen Fäuste geballt, auf die Antwort ihres Bruders, doch sie bekam sie nie zu hören.

Badewasser

Pa

Tipp…Tipp…Tipp – der Wasserhahn tropft. Schon wieder. Ich habe es ihr schon tausendmal gesagt. Entweder macht sie es mit Absicht, oder… Wahrscheinlich eher zweiteres. Das ist doch immer so. Sie vergisst eine Menge, dabei ist sie noch so jung. Viel zu oft hängt sie ihren Tagträumen nach und da kann es dann schon mal passieren, dass sie den Wasserhahn nicht ganz zudreht. Oder die Tür zu ihrem Schlafzimmer nicht schließt (obwohl die Katze jede Gelegenheit ergreift, um hineinzuhuschen). Die nasse Wäsche in der Maschine vergisst. Ich sollte darüber lachen, sage ich mir, drücke auf die Klospülung, ziehe mir die Hose hoch, knöpfe sie zu, wasche mir die Hände und versuche vor dem Spiegel zu lächeln. Nur mir ist nicht danach. Meine Mundwinkel rutschen nach unten. Tipp…Tipp…Tipp – wenn es nur der Wasserhahn wäre. Es passiert ihr auch mit der Herdplatte: Sie lässt sie an. Glühend heiß, den ganzen Tag. Und erst das Autofahren. Am liebsten würde ich ihr die Schlüssel verstecken. Sie vergisst es, in den Spiegel zu sehen, vergisst zu blinken. Tipp…Tipp.. es quietscht ein wenig, als ich den Wasserhahn abstelle. „Pa, bist du im Bad?“, ruft sie mir. Sie klopft leise. „Kann ich mir schnell deine Schlüssel borgen? Ich würde gerne noch Natascha besuchen.“

Lola

Nataschas Fenster leuchten hellgrün, als ich mit Pas Corsa in die Einfahrt biege. Fast alle Fenster der Grüns leuchten hellgrün, außer vielleicht das Schlafzimmerfenster von Nataschas Eltern. Ich trete schlagartig auf die Bremse. Vor der Doppelgarage steht ein tiefergelegter dunkelblauer Golf. Die grünen Fenster spiegeln sich in seinen verdunkelten Scheiben. Was zur Hölle… Wessen Auto das ist? Keine Ahnung, ich kenne niemanden persönlich, der tiefergelegte Autos fährt. Wahrscheinlich ein Kerl mit kurz rasierten, braunen Haarstoppeln und blasser Haut, zwei oder drei Jahre älter als wir. Als ich den Motor ausmache, sehe ich Nataschas Silhouette in einem der Fenster. Ich weiß sofort, dass es Natascha ist, weil sie den schönsten Afro der Welt trägt. Ihre braunen Locken stehen wie Sprungfedern wild von ihrem Kopf ab. Von weitem sieht er fast aus wie ein Heiligenschein, der grün leuchtet. Sie klopft gegen die Fensterscheibe, als ich gerade aus dem Corsa steige, mein hochgerutschtes Kleid zurecht rücke und mir meine Handtasche vom Beifahrersitz angle.

„Hey Loooolaaaa!“ Natascha schlingt ihre Arme um mich. In der Linken ein weißer Plastikbecher mit einem honigfarbenen Getränk. Red-Bull-Geruch weht herüber. „Gut, dass du noch gekommen bist. Dachte schon das klappt nicht mehr.“ – „Hab verschlafen, sorry.“ Dass die Grüns viel Geld haben, sieht man vor allem an ihrem großen Wohnzimmer mit der dreiteiligen Ledercouch, einem Beamer mit Leinwand und irgendwelchem Technikkram, mit dem ich mich nicht auskenne. Und man sieht es an Natascha. Genau genommen sind die Grüns nämlich ihre Adoptiveltern. Genau genommen kommt Natascha aus Freetown in Sierra Leone.

Natascha drückt mir einen leeren Pappbecher in die Hand. „Oder willst du heute noch nach Hause fahren?“ – „Eigentlich schon…“ Sie schenkt mir Cola ein. Erst jetzt bemerke ich die beiden Typen, die es sich auf der Couch bequem gemacht haben. Im grünen Licht kann ich ihr Gesichter nur schlecht erkennen, dennoch glaube ich sie noch nie gesehen zu haben. Mit den beiden werde ich den ganzen Abend kein Wort mehr wechseln. Zumindest nicht bis 2 Uhr morgens. „Du bist doch mit dem Auto da“, redet mich dann nämlich einer der beiden von der Seite an. Er ist groß und schlaksig und trägt unordentliche Dreadlocks. „Ja“, sage ich kurz angebunden. Wir beobachten das Geschehen im Wohnzimmer. Natascha ist betrunken, was man daran merkt, dass sie anfängt „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan zu singen und viel zu oft ihren schönen Kopf auf die Schulter des Typen neben ihr fallen lässt. „Kannst du mich heimbringen? Ich geb dir auch was dafür.“ – „Wenn’s sein muss.“ Ich nicke, ohne ihn anzusehen. Einen unbekannten Typen im Auto mitnehmen ist eigentlich nicht meine Art. „Ich hau aber jetzt dann ab“, stelle ich klar. „Was, du gehst?“ Natascha kommt auf mich zu getorkelt und legt wieder ihre Arme um mich. „Es ist doch erst… wie spät ist es, Max?“ Der mit den Dreadlocks zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Zerknülltes Kaugummipapier und eine Plastiktüte Gras fallen heraus. Er lässt es schnell wieder in seiner Tasche verschwinden. „Viertel nach 2.“

Max wohnt nur wenige Kilometer von Natascha entfernt. Während meine Füße zwischen Kupplung, Gas und Bremse tanzen, fängt er binnen weniger Sekunden an zu schnarchen. Die Straßen sind wie ausgestorben, der Asphalt nass vom Regen. „Max, muss ich links?“ Keine Reaktion. Ich rüttle an seiner Jeansjackenschulter. Noch einmal. Benommen fährt er hoch. „Was?“ – „Muss ich liihiinks?“ – „Ja. Da vorne, Hausnummer sechs.“ Er klettert aus dem Corsa, ist etwas wackelig auf den Beinen. Dann dreht er sich um und streckt mir das Plastiktütchen mit dem Gras entgegen. „Kannste haben“, murmelt er. „Behalt’s dir“, entgegne ich. Als ob ich sein Gras bräuchte.

Pa

Wieder kommt sie spät in der Nacht nach Hause und nimmt ein Bad. Wie ich es hasse. Das gurgelnde Geräusch hält mich wach, unruhig werfe ich mich von der einen zur anderen Seite. In meinen Träumen läuft das Wasser über den Rand der Wanne und sie liegt schwerelos darin, mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche und einem Lächeln im Gesicht. Friedlich.

Lola

Sie lag in der Wanne, als es passierte. Nackt, ein paar Schaumkronen tanzten auf dem warmen Badewasser um ihre Brüste, die wie eine Insel aus dem Wasser ragte. So stelle ich es mir zumindest vor, denn gesehen habe ich sie nicht. Die Badewanne lässt mir keine Ruhe mehr. Immer öfter verspüre ich den Drang zu baden, obwohl ich sonst eigentlich immer dusche. Wie Pa.

Ich steige in die Wanne und spüre die Hitze in mir aufsteigen, den Dampf, der sich zu meinem Kopf hochtastet. Baden gibt mir das Gefühl, ich könnte verstehen, was in ihrem Kopf vorging. An jenem Abend. Das Rätsel entschlüsseln, die Zeichen entziffern. Gefunden habe ich bislang nichts. Ich versuche es mit kaltem, lauwarmen, warmen und heißem Wasser, Badeessenzen in den verschiedensten Farben, Düften, Konsistenzen und Mengen, dazu die unterschiedlichsten Sorten von Badeschaum. Nichts.

Jo’s Badetuch

Freibad-Philosophie

Der nachfolgende Text steht so oder so ähnlich in einem meiner Tagebücher. Sommer 2006, ich bin zarte 15. Meine Noten in Mathe und Physik reichen gerade noch zum Bestehen der neunten Klasse. Ich lasse mich gelangweilt durch das Jahr treiben, auf der Suche nach der ersten Liebe und nach mir selbst.

Auf dem Balkon gegenüber trocknet ein grünes Badetuch in der Sonne. Der Nachbarsohn war wohl im Freibad. Ich bilde mir ein, das Chlor zu riechen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Erinnerung, die lebendig wird. Zwei Tage zuvor war ich mit Lisa, Hannah, Jana und Jo im Freibad. Ich zog mein eingerolltes Badetuch aus dem Rucksack und breitete es im Schatten aus, während sich die anderen direkt in der prallen Sonne niederließen. Ihre Haut schimmerte wie Bronze in der Julisonne. Meine blieb blass wie heller Sand.

Welche Farbe haben eigentlich die Handtücher von Jungs, frage ich mich. Ich versuche mich an das Tuch zu erinnern, das Jo mitgebracht hatte. Vor meinen Augen formt sich sein Gesicht, das die Mädchen so toll finden. Sein schmaler Körper, das schwarze Schweißarmband am linken Handgelenk, das Skaterboys so tragen, neben Vans und Nietengürtel. Aber gefallen – puh – nein, mein Geschmack ist es nicht. Wie er immerzu lächelt. Als erwarte die Welt das von ihm. Und als erwarte er es von der Welt.

„Lächle doch mal!“ Es hätte mich nicht gewundert, wenn Jo das zu mir gesagt hätte. Mit einem breiten Grinsen. Wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand zum Lächeln auffordert. „Wozu der böse Blick?“, ist ungefähr das Häufigste, das mein 15-jähriges Ich gefragt wird. Im Freibad kam es von Jana. Jana, die über mich sagt, ich rede zu viel. Jana, die mir erklärt, das Leben sei kein Wunschkonzert. Ehe ich antworten konnte, lief sie Richtung Volleyballfeld und die anderen ihr nach. Ich blieb zurück. Mit von Sonnenmilch klebrigen Fingern kramte ich meinen mp3-Player hervor und legte mich mit Metallica im Ohr auf das Badetuch. Starr wie ein Brett lag ich dort. Es erinnerte mich an dieses Spiel, das wir in der Grundschule immer kurz vor Unterrichtsende gespielt hatten: „Alle Fische sind tot“. Wer am längsten regungslos auf dem Boden liegt, hat gewonnen. Ich war ganz gut im Tot-Sein.

Besser als im Mich-Verlieben und besser als darin, jemandes Love-Interest zu sein. Liegt es an mir, dass ich mich an Jo’s Badetuch nicht mehr erinnern kann, einfach weil er mich nicht interessiert? Liegt es an mir, dass ich in der Siebten gefühlt die Einzige war, die auf der Klassenfahrt nicht geknutscht hat? Dass ich noch keinen Freund hatte? Es sind  immer die gleichen Fragen, die mich beschäftigen. Jetzt gerade rotieren sie um das grüne Badetuch am Nachbarsbalkon. Es ist ja nicht so, als hätte sich noch niemand für mich interessiert, sage ich mir. Adam vielleicht. Er war so nervös, als seine Mutter uns einander vorstellte. Aber er interessierte mich nicht weiter. Simon, der meinte, er bekomme die Mädchen, wenn er sie in die Taille kneift. Fehlanzeige. „Du bist eine harte Nuss, die man irgendwie knacken muss“, sagte er zu mir. Martin. Der mir betrunken auf seiner eigenen Geburtstagsfeier erklärte, er wäre dann jetzt zu haben. Georg, der auf einer Party erst mit einer Freundin rummachte, sich danach mit dem Ärmel über die Lippen wischte und dann versuchte, mich anzugraben.

Das grüne Badetuch flattert im Wind. Ich schließe die Augen, atme die Sommerluft ein. Sonnencreme, frisch gemähtes Gras. Als ich sie wieder öffne, ist es weg.

 

Laub und Eiskristall

Sie erzählt, wie sie frühmorgens um vier nicht mehr schlafen kann. Um fünf kriecht sie aus ihrem Bett, tastet nach dem Lichtschalter. Sie zieht sich an, warm, mit Jacke und Mütze, und schleicht hinab ins Erdgeschoss. Vorbei am Zimmer ihres Bruders. Im Dunkeln. Ihre leisen Schritte wie ein pochendes Herz. Dumpf und entschlossen. Die Kamera wartet schon auf der Wohnzimmerkommode.

Draußen ist es noch dunkel. Frische Morgenluft peitscht ihr ins Gesicht. Es riecht nach Winter mit einem Hauch von Frühling. Eigentlich wollte sie Tau oder Frost auf dem Laub des letzten Herbstes fotografieren, doch dafür ist es längst zu warm. Es beginnt zu dämmern, als sie die Straße entlang geht. Der letzte Rollsplit, der vom Winter übriggeblieben war, knirscht unter ihren Lederstiefeln. Sie verschwindet aus dem Lichtkegel der einen Straßenlampe und taucht im Lichtschein der Nächsten wieder auf. Die Schultern hochgezogen, die Hände tief in der Jackentasche vergraben. Schwerfällig baumelt die Kamera um ihren Hals hin und her, im Takt der Schritte.

Es kommt nicht oft vor, dass sie vor Sonnenaufgang nicht mehr schlafen kann. Meist bleibt sie wach, bis sich hinter ihrer herabgelassenen Jalousien langsam die Konturen der Welt da draußen bilden. Sie liegt in ihrem Bett, oft stundenlang, starrt wie hypnotisiert in den Bildschirm ihres Laptops, scrollt durch Timelines, schreibt, liest. Auch dann, wenn der Bildschirm vor ihren Augen verschwimmt, hört sie damit nicht auf.

Abgebrochene Weizenhalme, Verdorrtes, Erfrorenes – als sie das nackte Feld betritt, steigt sie über die toten Reste der Ernte des letzten Jahres. Die braune Erde ist vom Winter hart wie Beton. Schmutzige Steine ragen wie Zacken aus dem grau-braunen Boden. Daneben ihre Spur von gestern und vorgestern. Kein Laub. Keine glitzernden Eiskristalle. Kein Baum weit und breit, nur die roten Dächer, die in der Talsenke verschwinden. Heute sind sie noch grau vom Dunkel der Nacht. Sie zieht den Schal etwas höher, atmet feucht in die weiche Wolle. Heute ist sie wieder ein dünner, dunkler, horizontaler Strich auf den waagrechten Linien des Ackers.

Wenn sie mittags nicht aufstehen will, bilden sich tiefe Falten im Gesicht ihrer Mutter. Je öfter es passiert, desto dunkler ihr Blick. Also lässt ihre Augen lieber geschlossen. Sie will sie nicht sehen. Die Sorgen der anderen. Die Sorgen ihretwegen. Das mit dem Aufstehen, das ist so eine Sache. Ein Problem. Schon seit einiger Zeit. Vielleicht ist es schon viele Jahre her, als sie angefangen hat, im Bett zu bleiben. In einer wohlig warmen Höhle, weit weg von der Schule, von den kurzen Wochenenden. Sie hasst es, wenn ihre Mutter morgens Cornflakes isst. Wie sich Milch in ihren Mundwinkeln sammelt. Wie sie auf den Getreideflocken herumkaut, wie sie schlürfend die Milch austrinkt. Dieser Lärm ist unerträglich.

Also bleibt sie im Bett, wenn sie eigentlich zur Schule müsste. Zur Schule hätte müssen. Seit sie nämlich liegen geblieben ist, ist sie von der einen Schule geflogen. Und dann von der nächsten. Und der nächsten. Aber solange sie liegenbleibt, ist es ihr egal.

Sie sollte ein andermal nach Laub und Eiskristallen suchen. Irgendwo, an einem Ort, wo Bäume wachsen. Warum nur kehrt sie immer auf dieses Feld zurück? Ihre Nase fängt an zu laufen. Sie zieht Rotz und kalte Märzluft hoch. Die Dächer sind rot. Keine Spur mehr von grau. Es wird Zeit wieder zurückzugehen. Zu dem Haus mit dem kleinen Garten, der hellen Holzverkleidung und dem Fenster, aus dem Nachts ein klein wenig Licht kriecht. Jede Nacht. Immer.

Nr. 461 in „Tausend Tode schreiben“

Tausend verschiedene Texte über den Tod ergeben ein Bild davon, wie wir heute in unserer Gesellschaft der Tod sehen. Das zumindest findet Verlegerin Christiane Frohmann (Frohmann Verlag). Sie hat das interaktive Ebook-Projekt „Tausend Tode schreiben“ ins Leben gerufen, an dem sich im Grunde jeder beteiligen kann. Neben Texten von Clemens J. Setz, Stefan Mesch, Sarah Berger (@milchhonig), @akkordeonistin, @KatiKuersch, @NeinQuarterly oder Margarete Stokowski, kommen darin auch No-Name-Autoren (wie ich) zu Wort. Hier mein Beitrag zu #1000Tode.

(Ich bin über jede Kritik und Meinung sehr dankbar. In der Nachbetrachtung finde ich meinen Text nämlich nicht sonderlich gelungen. Vielleicht geht es euch genauso und ihr habt eine Idee, woran das liegen könnte.)

461

 

Mit acht besuchte sie zum ersten Mal eine Beerdigung.

Sie hat ihr grün gemustertes Sonntagskleid gewaschen, ausgewrungen und an die leere Wäscheleine zwischen den Apfelbäumen gehängt. Hin und wieder hat sie am Kleidzipfel getastet, ob es schon getrocknet war. Dann hat sie es auf dem Küchentisch ausgebreitet, das Bügeleisen erhitzt und es vorsichtig über die Fältchen gleiten lassen. Besagtes Sonntagskleid hat sie auch getragen, als sie mit Vater und Mutter aus der Messe zurückgekehrt ist. Der Geruch von Weihrauch brannte noch in ihrer Nase. Vater hatte auf seinem Sessel Platz genommen, Mutter das Hähnchen mit Fett eingestrichen, als es klopfte. Es war Tante Anna, ganz käsig im Gesicht. Vater sprang auf, Mutter legte den Pinsel beiseite und sperrte die Küchentür ab.

Sie saß auf dem Teppich im Wohnzimmer. Vor sich hatte sie ihre vier Puppen liegen. Sie war zusammengezuckt, als Mutter die Tür schloss. Es war abrupt still geworden. Kaum hörbar kroch ein gedämpftes Wimmern aus der Küche. Mit herabgefallenen Augenlidern lagen die Puppen vor ihr. Maria ganz links, mit dem buschigen roten Haar. Ihre rosa Lippen lächelten. Rechts daneben Pauline. Zwei geflochtene Zöpfe umspielten ihr porzellanfarbenes Gesicht. Die gute Merle mit ihren verblichenen Augenbrauen. Ann-Kathrin, ganz rechts, der Kopf viel zu groß für ihren Körper. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie Ann-Kathrin. Sie hatte diese Puppe nie wirklich gemocht. Das Wimmern aus der Küche wurde lauter, bis ihr Vater den Besuch mit einem Pscht! zur Ruhe drängte. Das Kind, mochte er gesagt haben in der Vorstellung seiner Tochter. Es muss doch nicht alles mitbekommen. Ist doch noch viel zu klein.

Zu klein wofür?, fragte sie sich. Zu klein für Anna und ihr Wimmern? Zu klein für abgesperrten Küchen? Sie griff nach Pauline. Sobald sie die Pauline nach vorne kippte, öffnete diese ihre honigbraunen Augen. Sie sah fröhlich aus. „Bist du eigentlich auch mal traurig?“, fragte sie Pauline. Mit einem Mal kam es ihr komisch vor, auf Paulines Antwort zu warten. Schließlich war es ja sie selbst, die immer anstelle von Pauline mit verstellter Stimme geantwortet hatte. Jetzt fand sie es plötzlich seltsam. Sie legte Pauline zurück neben Merle. Merle hatte immer bei ihr im Bett gelegen. Wenn sie abends nicht hatte einschlafen können, hatte ihr Merle beruhigende Worte zugeflüstert. Jetzt, da sie Merles versteinerte Miene betrachtete, fühlte sich alles falsch an. Niemals hatte ihr diese Puppe ins Ohr geflüstert. Sie selbst war es gewesen. Noch nie zuvor war sie auf einer Beerdigung gewesen, doch nun hatte sie eine genaue Vorstellung davon, wie eine aussah. Wie aufgebahrte Leichen lagen die vier Puppen vor ihr. Nie mehr würde sie ihnen ein Wort entlocken. Nie mehr würden sie antworten, denn alle Antworten waren bloß ihre eigenen Worte. An diesem Sonntagmittag hatte sie ihre vier besten Freundinnen verloren. Zwei Tage später brachte sie in ihrem Sonntagskleid einen großen Karton hoch zum Dachboden.

Novemberabend

Die Novemberluft streicht mit ihren kalten Fingern über meine Wangen, als ich aus dem beheizten H&M trete. Vor mir die Kaufingerstraße in der Dämmerung, mit all ihren Menschen. Ich begebe mich in die Masse, wie ein Meeresstrom zieht sie mich in Richtung Marienplatz, vorbei an den Klamottenläden und ihren Elektrobeats. Eben habe ich 40 Euro für eine High-Waist-Jeans ausgegeben. Ich konnte das Geld gerade noch dafür zusammen kratzen.

Marienplatz. Ich zwänge mich durch die kleinen Lücken, vorbei an einem attraktiven Paar. Am Brunnen angelangt drehe ich mich so, dass ich die beiden aus der Ferne beobachten kann. Er trägt einen Zweireiher und eine elegante Ledertasche, sie einen knielangen kirschroten Filzmantel. Vielleicht haben sich die beiden im Büro kennengelernt, vielleicht ist sie Studentin und er ihr Dozent? Sie sind bestimmt schon einige Jahre zusammen, streiten selten. In letzter Zeit machen sie sich Gedanken, wie es weitergehen soll. Wird sie nach Hamburg gehen und ihn in München zurück lassen?

Gleich in der Nähe des Brunnens hat sich eine Gruppe Musiker niedergelassen. Ein Bassist, eine Geigerin, einer mit Harmonie, ein Gitarrist und ein Trommler – für mich klingen sie nach Amélies fabelhafter Welt. Von der Seite tippt mich meine Freundin an. Ich drehe mich zu ihr, wir umarmen uns wortlos und lächeln dabei. Eine lila Wollmütze und ein dicker, grauer Schal verdecken ihr Gesicht fast gänzlich. „Gehen wir einen Kaffee trinken“, sagt sie, nimmt mich am Arm und zieht mich Richtung McDonalds. Dort setzen wir uns mit unseren Pappbechern auf zwei einsame Hocker, schälen uns aus den Jacken und lassen Zucker in den Kaffee rieseln. Es riecht nach Fett, getoasteten Burgerbrötchen und gerösteten Kaffeebohnen. Wir reden. Während auf der anderen Seite der großen beschlagenen Fenster die Stadt mit ihren Bewohnern, Lichtern und Lärm an uns vorbeizieht. Meine Freundin meint, sie wolle ihren Studiengang wechseln. ,,Ich möchte freier sein, kreativer. Und weniger lernen.“ Insgeheim plagt sie die Einsamkeit. Ihre Mitbewohner sind zehn Jahre älter als sie und sehr beschäftigt. Sie finden einfach keine gemeinsamen Gesprächsthemen. Ich stelle mir vor, wie meine Freundin in ihrem Zimmer sitzt, vielleicht im dritten Stock, mit Blick auf den kahlen Kastanienbaum im Hinterhof. Sie zeichnet etwas an den Rand ihrer Mitschrift. Eine dunkelhaarige Frau, die traurig aus dem Fenster sieht.

Manchmal, sagt sie, trifft sie sich mit einem ehemaligen Klassenkameraden, der hier in München Physik und Mathe studiert. Einmal hat er versucht, ihr die Liebe mittels mathematischer Formeln zu erklären. Sie wollte es nicht hören. ,,Ich glaube an die Romantik“, erklärt sie mir, nickt dabei überzeugt und rührt in ihrem Kaffee. Wir reden über die anderen, die wir seit dem Abitur kaum noch getroffen haben. Darüber, was sie jetzt machen. Wir reden über die Orientierung, die uns beiden verloren gegangen ist. Dann nehmen wir einen letzten Schluck, schlüpfen in unsere Jacken und gehen zurück in die vorwinterliche Großstadt. Wir umarmen uns zum Abschied, unsere Haare riechen nach abgestandenem Frittierfett. „Wir finden unsere Orientierung wieder“, sage ich zu ihr und versuche dabei optimistisch zu klingen. „Früher oder später.“