Warum wir mehr Fanfiction lesen sollten

Als er seinen Blick zu den beiden auf der Couch wandern ließ, waren sie gerade dabei, sich zu küssen. Remus hatte sich über Sirius gebeugt, seine Hand noch immer in dessen Locken. Ihre Lippen…

Was. Ähem. Was?

Lupin und Sirius küssen sich, ich äh – war erst einmal ziemlich überrascht. Und dann fing ich an, mehr Fanfiction zu lesen. Der Zufall (besser gesagt: meine Twitter-Timeline) wollte es, dass ich mit Harry-Potter-Fanfiction beginne. Gelandet bin ich bei einer Remus/Sirius-Lovestory, geschrieben von einem Pseudonym namens Dwight4Studly. Slash Fiction (ein Genre der Fanfiction, bei dem überwiegend männliche Figuren was miteinander anfangen)  war mir kein Begriff und so fand ich mich plötzlich in einer Geschichte mit sexuell erregten Harry Potter-Charakteren wieder. Andererseits – mal abgesehen von der nicht so tollen Schreibfertigkeit des Autoren – hat das aber was. Lupin und Sirius, warum nicht? Zwei meiner Lieblingscharaktere (neben Snape und ja, Snape und Slash fiction scheint ein eigenes Kapitel zu sein), denen in Rowlings Büchern für meinen Geschmack viel zu wenig Platz eingeräumt wurde.

Bei Fanfiction (oder Fanfic, FF) handelt es sich um Geschichten, die Fans über Realpersonen schreiben oder aus Buch-, Film-, Game- oder Comicplots weiterspinnen. Ihren Anfang nahm FF mit Star Trek fanzines in den 1960ern, quasi Fan-Magazinen zur Star Trek-Serie, in denen auch FF abgedruckt wurde. Mit dem Internet und der Möglichkeit, eigene Fanfiction online zu stellen, wuchs die Popularität. 1998 kam das Fanfiction-Archiv FanFiction.net dazu, das heute rund zwei Millionen User verzeichnet. Im aktuellsten Ranking steht Fanfiction über Twilight, Pokémon und Lord of the Rings ganz oben – hinter Harry Potter mit 746000 Stories auf Platz 1.

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Bothering Snape: Wie ich mein Bedürfnis nach Snape-Fanfiction mit Youtube-Videos stillte. (Foto/Illustration: frauktose)

Für mich war Fanfiction bisher ein eigener Kosmos mit bestimmten Regeln und ganz viel Insiderwissen. Vor zehn Jahren kam ich erstmals in Kontakt damit, als ich das Bedürfnis verspürte mehr über Snape zu erfahren. Ich zog mir diverse Snape-Fanart-Videos wie Bothering Snape rein. Heute weiß ich: Mein 15-jähriges Ich hätte Snape-Fanfiction in Textform viel besser gebrauchen können. Aber scheinbar mangelte es mir an der notwendigen Medienkompetenz im Internet des Jahres 2006 meine Sehnsucht zu stillen.

Warum sollten wir alle mehr Fanfiction lesen?

Fanfiction stillt nicht nur das Bedürfnis nach mehr (Lupin, Hogwarts, Zauberwelt). Sie eröffnet uns auch eine andere Sicht auf Bücher, Filme und Co. Standard-Liebesbeziehungen werden ersetzt durch homo-, bi-, trans-, intersexuelle (und mehr) Varianten, insbesondere im Slash-Genre, das übrigens mit Star Trek-Fanfiction (genauer: Kirk/Spok-Stories Anfang der 70er) entstanden ist. Fanfiction bietet in ihrer Vielzahl auch eine Vielfalt und Andersartigkeit abseits der am Mainstream oder Hollywood-Kino orientierten Erzählung. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Vorbehalte gegenüber Slash Fiction. Dwight4Studlys Remus/Sirius-Kapitel wurde mit „Disgusting“ kommentiert (da ist das Wort Vorbehalt wahrlich eine Untertreibung). Außerdem auffällig ist, dass viele FF-Hauptfiguren trotz (oder vielleicht aufgrund) überwiegend weiblicher FF-Produzenten und -Konsumenten männlich sind. Das mag vielleicht daher kommen, dass eben auch Filmfiguren in der Mehrzahl männlich sind. Eine Nische in der Slash Fiction-Schublade ist das Subgenre Femslash, das eine romantische und/oder sexuelle Beziehung zwischen zwei weiblichen, in Filmen, Büchern etc. eigentlich heterosexuellen Figuren thematisiert. Beispielhaft dafür ist Arwen/Eowyn-Fanfiction (Herr der Ringe).

Dennoch: Anders als die medialen Produkte selbst, auf die sich FF bezieht, untergräbt sie gängige Gesellschafts- und Geschlechterkonzepte. Gleichzeitig hat FF einen nicht-kommerziellen Charakter und ist dank Internet für jeden zugänglich. Diverse NPOs wie die Organization for Transformative Works archivieren die Texte und stellen sie zur Verfügung. Besonders erfolgreiche Fanfiction wird allerdings auch vermarktet, siehe 50 Shades of Grey, urspünglich Twilight-Fanfic.

Da Fanfiction ein Jedermann-Onlinecontent ist, lässt die Qualität hin und wieder zu wünschen übrig. Was ich bisher gelesen habe, war manchmal richtig mies. Viele Texte wirken, als hätten die jeweiligen Autoren sie für sich selbst geschrieben (wobei das ja nicht verwerflich ist). Schreibtechnik, Wortwahl, Grammatik, eine ansprechende Atmosphäre sucht man da oft vergebens. So passiert es, dass man sich durch schlechte und geschmacklose Texte wühlt, bis man irgendwann ein liebevoll ausgearbeitetes Stück Fanfiction findet. In meinem Fall war es Prisoner of the Moon von Linda Lupos, Band 3 der Harry Potter Reihe aus der Sicht von Remus Lupin. Sie schrieb in ihrer AN (Author’s Note), dass sie Slash-Elemente vermeiden wollte. Das ist ihr in ihren 16 Kapiteln (ungefähr 83 Seiten) größtenteils gelungen, abgesehen von ein paar zweideutigen Stellen, die sie der Phantasie der Leser überlässt. Lupos hat sich sehr an Schreibstil und Wortwahl von Rowling sowie dem Inhalt von Band 3 orientiert und ihre Fanfiction mit einem selbstironischen Lupin-Interview abgeschlossen.

Wer selbst Fanfiction schreibt, muss sich auf urheberrechtliche Einschränkungen gefasst machen. Dabei unterstützen manche Autoren (Rowling bis zu einem gewissen Grad) FF, während andere überhaupt nichts davon halten (Anne McCaffrey oder Anne Rice). An Tipps und Plattformen (z.B. Wattpad) dürfte es (angehenden) FF-Autoren nicht fehlen. Als jemand, der selbst gerne schreibt, bin ich noch unentschlossen, ob ich mein Wattpad-Profil wiederbeleben und mich an FF versuchen sollte. Vor kurzem fielen mir zwei analoge FF-Versuche in die Hände, die ich mit elf notiert hatte: Eine Silvester-Fortsetzung von Die Wilden Hühner und eine neue Story für die Fünf Freunde-Reihe. Vielleicht führe ich sie eines Tages fort 🙂

 

Und ihr so? Seid ihr Fanfiction-Leser und wenn ja, was könnt ihr empfehlen? Schreibt ihr vielleicht sogar selbst?

Remus watched the night fall through the windows of his office. He was wearing barely more than a T-Shirt and loose-fitting robes. He was ready for the transformation, and at the same time dreading it. (Prisoner of the Moon/Cpt. 3 by Linda Lupos)

 

 

I always wanted to be a Tenenbaum

Vor kurzem habe ich „Die Royal Tenenbaums“ (2001) gesehen. Fünfmal, um genau zu sein. Ich hätte sie gerne noch fünfmal angesehen. Das Dumme war nur, dass ich mich gerade mitten in der Klausurenphase befand. Weil mich Wes Andersons skurriler Film nicht in Ruhe ließ, verbrachte ich die Lernpausen mit den Tenenbaums. Das hieß: Alles lesen und ansehen, was das Netz darüber hergibt. Und das war ganz schön viel. Nach drei Wochen Sammeln, Filtern und Reflektieren hier meine Erkenntnisse zu „Die Royal Tenenbaums“, mit Schwerpunkt auf meine Lieblingsfiguren Richie und Margot Tenenbaum.

Der Plot:

Papa Royal Tenenbaum wohnt getrennt von seiner Familie in einem Hotel, ist pleite und eifersüchtig auf den Neuen der Exfrau Etheline. Also inszeniert er eine Krebserkrankung, um seine Liebsten zurückzugewinnen. Die Kinder Richie, Chas und Margot sind gescheiterte Genies in ihren Dreißigern und verstecken sich gerade bei Mama vor der Welt. Eine typische „group of people getting together“-Geschichte, wie es der Criterioncast treffend zusammenfasst. Besonders tragisch: Richie hat sich in seine Adoptivschwester Margot verliebt.

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=K4QHTdj7SKc&index=61&list=PLj2KTNlHQwdvXxq34D2iuX–SXKl2HCnX)

Die Charaktere…

… sind gebrochen, skurril und voller Sehnsucht.

  • Richie (Luke Wilson), ehemals Tennis-Pro („The Baumer“), eng befreundet mit Margot und Eli Cash, süchtig nach Bloody Mary, Besitzer eines Greifvogels namens Mordecai.
  • Margot (Gwyneth Paltrow), trägt Racoon-Eyes und spießige Tenniskleider, ist verheiratet mit dem Anthropologen Raleigh St. Clair (Bill Murray), Schreibblockade, ihr Charakter basiert auf einer Freundin von Anderson (siehe Spiegel-Interview).
  • Chas (Ben Stiller), einst erfolgreicher Geschäftsmann und Züchter von Dalmatinermäusen, Witwer, Sicherheitsfanatiker, Vater von Asi und Uri.
  • Ethel (Anjelica Huston), Archäologin (wie Andersons Mutter), verlobt mit Steuerberater Henry (Danny Glover, basierend auf Kofi Annan und einem ehemaligen Vermieter von Anderson).
  • Royal (Gene Hackman), pleite, versucht die bevorstehende Hochzeit mit seinem Handlanger Pagoda (Kumar Pallana) zu verhindern.
  • Außerdem: Nachbar und Möchtegern-Tenenbaum Eli Cash (Owen Wilson) und Raleighs Studienobjekt Dudley Heinsbergen (Stephen Lea Sheppard)

Ort und Zeit:

Die Tenenbaums leben in der Archer Avenue in einem New York, das so nie existiert hat. Zwar wurde in einem realen Gebäude gedreht, das reale (und moderne) New York mit Skyline, Lärm und Verkehrschaos sparte Anderson jedoch aus. In einem Interview erklärt der Filmemacher, wie dieses New York entstanden ist. „Ich bin in Texas aufgewachsen, habe Magazine wie den „New Yorker“ und Geschichten von J. D. Salinger und F. Scott Fitzgerald gelesen und Woody-Allen-Filme geguckt. So habe ich New York aus der Ferne wahrgenommen. Als ich schließlich dort hinzog, versuchte ich mir New York so zu machen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Eine weitere Besonderheit der „Royal Tenenbaums“ ist das Spiel mit der Zeit. Telefonzellen, Röhrenfernseher und Telefone mit Wählscheiben lassen den Film verstaubt und antiquiert wirken. Hinzu kommt der Soundtrack, der mit Songs von den Rolling Stones, Ramones oder Nick Drake in den 60ern und 70ern zu verankern ist. Auch Margot, Richie und Chas tragen Klamotten, die vor Jahrzehnten in Mode waren. Dabei unterscheiden sich ihre Outfits aus der Kindheit kaum von dem, was sie als Erwachsene anziehen. Ihre Kleidung fügt sich in das Bild der immergleichen technischen Geräte, die auch nach 20 Jahren noch im Hause Tenenbaum verwendet werden. Es wirkt, als wären die Familie und ihr New York in den 60ern stecken geblieben, und gleichzeitig auch in ihrer Kindheit (mehr zur Kindheit weiter unten). Die Bezeichnung „instant nostalgia“ (48:00), die im Criterioncast fällt, trifft es eigentlich ganz gut.

Der Faktor Zeit ist während des ganzen Filmes ziemlich obsolet. Achtet man auf Natur und Wetterphänomene, so wechseln die Jahreszeiten ständig von winterlichen Schneeflocken zu frisch ausgetriebenen Blättern. Songs wie „Christmas Time Is Here“ tragen noch mehr zur zeitlichen Verwirrung bei. Außerdem gibt der Film nur selten Aufschluss über Tageszeiten. Die Tenenbaums tragen so gut wie immer das Gleiche, alltägliche Handlungen wie Zähneputzen oder Schlafen kommen nicht vor. Die unklare Zeitstruktur gipfelt in der Szene mit dem Selbstmordversuch. Darin sagt Richie, er werde sich am folgenden Tag umbringen. Tatsächlich versucht er es aber schon im nächsten Augenblick. Nach mehrmaligem Ansehen frage ich mich, ob nicht Raleighs Patient Dudley Heinsbergen die Geschichte erzählt. Schließlich wird am Ende des Films noch erwähnt, dass Dudley definitiv kein Zeitgefühl hat („Can the boy tell time?“ – „Oh, my Lord, no.“).

Die wenigen Anhaltspunkte über Zeit und Zeitverlauf in „Die Royal Tenenbaums“ sind eng mit dem Tod verknüpft. Royal Tenenbaum gibt mit seiner Krebslüge einen Zeitrahmen von sechs Wochen Lebenszeit vor, in dem sich die Geschichte möglicherweise abspielt. Royals Grabsteininschrift (1932-2001) weist wiederum auf das Jahr 2001 hin.

Dieser wirre Zeitbegriff macht den Film meiner Meinung nach charmant, weil es an viel zu lange Ferien erinnert, in denen man jegliches Gefühl für die Zeit verliert. Ich habe meine oft mit der Familie bei Oma verbracht, jeder war ein wenig zurückgezogen in seine eigene kleine Welt mit eigenen kleinen Problemen, die man dort zusammen mit der Zeit vergessen konnte.

Die Motive:

  • Genies: In Wes Andersons Filmen sind es meist verkannte oder gescheiterte Genies, die sich zu unerwarteten Helden mausern (siehe Max Fischer aus „Rushmore“)
  • Scheitern, vergangener Ruhm: Immer wieder Thema bei Wes Anderson, auch später in „The Grand Budapest Hotel“, wo Concierge (Ralph Fiennes) Verlust erfährt. Die gescheiterten Figuren funktionieren wie die Tenenbaum-Kinder nicht mehr in der Gesellschaft, diese Dysfunktionalität hat aber oft etwas Warmes an sich („There’s a warmth to their dysfunction“ – Criterioncast). Im Film ist Scheitern eine Option, das Haus dient als Rückzugsort, an dem man das Scheitern ausleben kann. Dabei stellt sich auch die berechtigte Frage, warum wir Scheitern als etwas Negatives empfinden.
  • Kindheit und Zuhause: Das Tenenbaum-Haus spiegelt in gewisser Weise deren Kindheit wider: Richies Spielzeugautos, Margots Plattenspieler, Chas‘ Dalmatinermäuse – alles ist noch da. Mit den Spielsachen und den warmen Farben dient es als Schutzraum (sogar für Chas, trotz fehlender Sprinkleranlage) vor der gefährlichen Welt da draußen. Gleichzeitig kann das Haus metaphorisch für die Psyche von Richie, Chas und Margot stehen: Sie sind alle noch nicht erwachsen geworden.
  • Liebe als Tabuthema: Wenn in Geschichten Liebesverhältnisse vorkommen, die mit einem Tabu behaftet sind (z.B. gleichgeschlechtliche Liebe, leider immer noch nicht ganz akzeptiert), ist es interessant, darauf zu achten, was darin mit dieser Liebe passiert. In vielen Filmen siegen meist Beziehungen, die der Norm entsprechen, während gleichgeschlechtliche (siehe „Blau ist eine warme Farbe“) oder Beziehungen mit Altersunterschied („Arizona Dream“, „Die Reifeprüfung“) scheitern. Auch das Verhältnis Richie-Margot entspricht nicht ganz der Norm: Die beiden sind zwar nicht blutsverwandt, dennoch als Geschwister aufgewachsen. Margots Aussage „I think we just gonna have to be secretly in love with each other and leave it at that“ verspricht zwar nur wenig Hoffnung, dennoch stehen sich die beiden am Ende näher.
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Secretly in love: Richie und Margot Tenenbaum (Illustration: frauktose)

Margot und Richie Tenenbaum…

… sind neben Herman Blume (Rushmore) und Suzy Bishop (Moonrise Kingdom) vielleicht die besten Charaktere in Andersons Filmen. Sie teilen Sehnsucht und Melancholie und sind verletzlich. Auch räumlich sind sich beide vor allem gegen Ende des Filmes sehr nahe: Bei Royals Beerdigung stehen sie eng beieinander und nach der Hochzeit rauchen sie gemeinsam eine von Margots Zigaretten auf dem Dach. Weitere Parallelen: Richie und Margot werden auffällig oft verletzt, ob psychisch (Liebeskummer, Scheitern) oder physisch (Margots abgetrennter Finger, Richies verletzte Faust, die Schnittwunden an den Armen, später die Verletzung am Auge). Mit ihrem Wunsch, der realen Welt zu entfliehen, indem sie sich wie Margot im Badezimmer einsperren oder wie Richie auf dem Dach abhängen oder Ozeane bereisen, erinnern sie an Helden aus der Romantik. Vor allem Richie mit seinem langen Haar und dem dichten Bart, seinem Greifvogel und dem Zelt als Schlafplatz weist eine gewisse Nähe zur Natur auf, wenn auch nur sinnbildlich. Von seiner Haarpracht wird Richie sich kurz vor seinem Selbstmordversuch verabschieden – meiner Meinung nach die stärkste Szene in „Die Royal Tenenbaums“.

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=9pyBB7y8fDU)

Die Szene im blauen Dämmerlicht hebt sich visuell von den überwiegend warmen Farbtönen des Filmes ab (siehe Cinematicgestures). Richie stutzt Haare und Bart, nimmt Schweißbänder und Sonnenbrille ab und trennt sich endgültig von seinem Dasein als Tennis-Pro. Durch Tempo und Aneinanderreihung der Schnitte wirkt diese Handlung wie ein Ritual. Der Selbstmordversuch ist sehr dynamisch: In sechs Sekunden ziehen 18 Bilder vorbei, darunter Rückblenden zu Mordecai, Kindheitserinnerungen, Royal, Ethel und Margot. Bilder, die scheinbar mit je einem Schnitt mit der Rasierklinge aufblitzen. Die Einstellung, in der Margot aus dem Bus steigt, ist dabei dominant. Eric Can Uffelen bezeichnet im Cinematicgestures-Blog Margot als Paradoxon für Richie: Sie ist einerseits die Möglichkeit der wahren Liebe, andererseits der Fluch des verbotenen Verlangens.

Als Richie von Dudley entdeckt wird, ist die Kamera außerdem nicht „on a stable apparatus“, weswegen alles „smooth and carefully controlled“ wirkt (siehe Cinematicgestures). Die Selbstmordszene unterscheidet sich in der Machart sehr vom Rest des Filmes, weil sie quasi eine Art Schüssel ist. Erst Richies Selbstmordversuch führt die Familie zusammen.

Eine starke Wirkung und Emotionalität haben diese Einstellungen aber auch dank Richie-Darsteller Luke Wilson. Der Dreh dieser Szene soll nicht leicht gewesen sein. Wie Mutter Laura Wilson, die den Dreh als Fotografin begleitet hat, berichtet, war es nach Mitternacht, die Crew total übermüdet und Wes Anderson perfektionierte die Verteilung der Haarbüschel auf dem Waschbecken. Trotzdem schaffte es Wilson, einen Richie Tenenbaum zu spielen, dem man die innere Zerbrochenheit in jeder Sekunde abkauft. Viele feiern den Part als Richie Tenenbaum, der Criterioncast bezeichnet ihn als „glistening juwel“ in Luke Wilsons sonst eher trashigeren Filmografie („Natürlich Blond“, „Drei Engel für Charlie“). Luke Wilson, der kleine Bruder von Owen Wilson (hier auch Co-Drehbuchautor), Markenzeichen „drawling voice“, zeigt leider nur in wenigen Rollen (z.B. als Anthony in Andersons Erstling „Bottle Rocket“) seine bessere, melancholische Seite.

Dem Filmkritiker Matt Zoller Seitz, der auch das Buch „The Wes Anderson Collection“  heraus gebracht hat, sagte Anderson später, dass der Part Richie Tenenbaum für Luke Wilson geschrieben worden sei. Seitz beschrieb Richie als „ghost in his own life“ und weiter: „(…) I know it’s an ensemble movie, but if I had to say who the movie is about, I think I would say it’s about him.“ Dem stimmte auch Anderson zu. Richie ist der Filmheld. „Here is the ensemble around him, his family. But he is the center.“ Ähnlich wie Max Fischer in Rushmore ist es Richie Tenenbaum (und seine Verzweiflungstat), der die Familie zusammenbringt. Dem Buch „Filmsemiotik – Eine Einführung in die Analyse audiovisueller Formate“ zufolge gibt es in Filmen den Archetypen des Helden (S. 383), dem ich Richie zuordnen würde. Jener Held ist auf der Suche nach Identität und Ganzheit und stellt aufgrund seiner Fehler und Schwächen (das Scheitern als Tennis-Pro und am Leben generell) eine Identifikationsfigur dar. Im Kern der Erzählung begegnet er für gewöhnlich dem Tod.

Meine filmanalytischen Ansätze:

In der Filmanalyse ist immer die Rede von semantischen Räumen und Grenzüberschreitung. Demnach befindet sich eine Figur in einem bestimmten Ausgangsraum, der in Richies Fall abstrakt ist und als Raum „Genie/Tennisprofi“ bezeichnet werden könnte. Der entsprechende Gegenraum wäre „gescheitertes Genie“. Betrachtet man nur Richies Geschichte, könnte die Tennisniederlage eine Grenzüberschreitung sein. Dabei wird ihm seine Liebe zu Margot erst bewusst und er tritt über die Grenze in den Gegenraum. Dort existiert ein Extrempunkt (Selbstmordversuch), in dem die Merkmale des Gegenraums (Liebeskummer, Scheitern, Depression) kondensiert auftreten. Laut „Filmsemiotik“ ist der Extrempunkt zentral inszeniert, was sich durch den blauen Farbton, der technischen Umsetzung und musikalischen Untermalung (siehe Rolle der Musik) zeigt.

„Die Royal Tenenbaums“ lässt sich – wenn auch kein typischer Hollywoodspielfilm – nach Syd Fields Strukturmodell in drei Akte aufteilen: Exposition (Vorstellen von Figuren und Story), Konflikt/Konfrontation (Haupthandlung) und Auflösung (Ende). Dazwischen befinden sich zwei Plotpoints/Wendepunkte, die Grenzüberschreitungen entsprechen. Die Plotpoints bezogen auf Richies Geschichte: Die Tennisniederlage und der Selbstmordversuch.

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Der Film „Die Royal Tenenbaums“ – hier im Speziellen Richies Geschichte – lässt sich nach Syd Fields Strukturmodell wie die meisten Hollywoodfilme in drei Akte einteilen. (Illustration: frauktose)

Die besondere Rolle von Musik:

In „Die Royal Tenenbaums“ kommt der Musik eine besondere Rolle zu. Das Repertoire aus Beatles, Rolling Stones, Nick Drake, Nico, Bob Dylan, The Clash, The Ramones und The Velvet Underground katapultiert den Zuschauer in die 60er und 70er zurück. Aus der Rolle tanzt dabei „Needle in the Hay“ von Elliott Smith aus dem Jahr 1995. Er taucht in der Selbstmordszene auf. Die Gitarre ist bereits am Ende der Szene zu hören, in der Richie und Raleigh von Margots Vergangenheit erfahren. Die Intensität des Songs steigt in den kritischen Momenten des Selbstmordversuches an. Irrtümlich ausgelassene Noten sollen einem Blogpost von Sensesofcinema zufolge die Spontanität in Richies Handlung widerspiegeln. Die Lyrics thematisieren Heroinabhängigkeit und seien weniger wortwörtlich zu verstehen, dennoch gebe es Parallelen zum Plot. So vergleicht der Blog Richies Liebe zu Margot mit einer Drogensucht. „It is Richie’s attempted suicide that offers the most profound evidence of his willingness to let go of his former self, and his need for absolution“, heißt es im Sensesofcinema-Blog. Demzufolge sei Musik eine Art der Freisprechung („music as absolution“). Gleichzeitig arbeite die Musik als Katalysator und Übersetzer der Gefühle Richie und Margot zeigen ihre Gefühle vor allem in Momenten, die mit „evocative pop songs“ unterlegt sind. Musik kann aber auch besänftigen. Ein Beispiel dafür wäre der Song „Fly“ von Nick Drake. Dieser setzt ein, als Richie aus dem Krankenhaus abhaut und mit dem Green Line Bus nach Hause fährt. Dort wird er dann von Margots Plattenspieler abgespielt (und wird somit zum Teil der Filmwelt, also Teil der Diegese/intradiegetisch). Das Lied verleiht den beiden Charakteren eine Stimme und die Lyrics vermitteln, dass alles irgendwie in Ordnung kommt.

So come, come ride in my street-car by the bay

for now I must know how fine you are in your way

And the sea sure as I

But she won’t need to cry

For it’s really too hard for to fly.

(Nick Drake – Fly)

Stil, Inspiration, Einflüsse und Referenzen:

Wiederkehrende Symmetrien, spezielle Farbpaletten, bizarres Setting und verschrobene Charaktere sind Wes Andersons Spezialität. Der Texaner mag keine digitalen Filmlandschaften, wie er in einem ZEIT-Interview erklärt und greift lieber auf Miniaturen zurück. Er ist Fan von Fellinis Filmen, Polanski („Rosemarys Baby“), Mike Nichols („Die Reifeprüfung“). Anderson, der als Teenie von einem Wimbledon-Sieg geträumt hat, obwohl er kein sonderlich guter Tennisspieler war, kreeirt überwiegend Geschichten über Männer, die vor haben, Großes zu erreichen. Leider sind auch seine Hauptdarsteller meistens männlich (insbesondere in „Die Tiefseetaucher“). Anjelica Huston soll einmal zu ihm gesagt haben, er drehe Jungsfilme.

(Quelle: https://vimeo.com/89302848)

Literatur- und Filmklassiker haben einen nennenswerten Einfluss auf „Die Royal Tenenbaums“. In einem Interview nannte Anderson „The Magnificent Ambersons“, die Glass-Geschichten von J.D. Salinger, „You Can’t Talk It with You“, „The Royal Family“ (Kaufman und Ferber) und „Two English Girls“ von Francois Truffaut (Idee mit den Mosaiken aus Büchern) als Inspirationsquellen.

Was Die Royal Tenenbaums“ zu einem der besten Wes-Anderson-Filmen macht:

Auffällig ist, dass „Die Royal Tenenbaums“ eine Art Wendepunkt in der Filmografie des Regisseurs und Drehbuchautoren darstellt. Während seine ersten beiden Filme „Bottle Rocket“ und „Rushmore“ noch weniger akribisch durchstrukturiert wirken, sind aktuellere Filme stärker von seinem Perfektionismus bestimmt. Im Netz ist man sich einig: Anderson wird immer detailbesessener, seine Werke immer skuriller. Seit den Tenenbaums schafft der Regisseur eine immer seltsamere Welt, „that isn’t really recognisable as our own.“ (The Guardian). Der Criterioncast bezeichnet „Die Royal Tenenbaums“ als „peak of Anderson’s career“: Die Details sind in perfekter Balance, anders als in „Die Tiefseetaucher“. Kyle Buchanan von vulture.com findet, dass die Figuren hier weniger stark choreografiert seien. Er hebt die Szene im Zelt hervor, in der Richie und Margot sich gegenseitig ihre Liebe gestehen. „The scene is magical, with Paltrow moved to real tears in a setting that’s resolutely unreal in all of its candy-colored, immaculate fastidiousness“, so Buchanan. In späteren Anderson-Filmen vermisst er dieses ungezwungene Spiel. Generell tragen die Tenenbaums ihre Persönlichkeiten noch mehr nach draußen.

Fazit:

Mein Lieblings-Wes-Anderson-Film

 

Die Royal Tenenbaums (The Royal Tenenbaums, USA 2001). Ab 12 Jahre. Regie: Wes Anderson. Drehbuch: Wes Anderson und Owen Wilson. Mit Gene Hackman, Anjelica Huston, Gwyneth Paltrow, Ben Stiller, Luke Wilson, Owen Wilson, Danny Glover, Bill Murray, Seymour Cassel

Weitere Links:

Filmkritik Criterion, Hintergründe, Screenwriting Analysis, Welcher Tenenbaum bist du?

 

 

Wenn im Film Platten aufgelegt werden…

Spätestens wenn Vinyl auf einem Plattenspieler landet, mag ich auch den Film. Dieses Geräusch, wenn jemand die Diamantnadel auf eine rotierende Schallplatte setzt – dumpf, quietschend, kratzend, es lässt sich schwer beschreiben. Aber es impliziert immer eines: Gleich kommt ein Song. Gänsehaut.

Platten sind wieder in, ob als Lieblingssongs zum Anfassen für die Ewigkeit oder als verformte Vinyluhren und -obstschalen. Auch im Kino fand man sie früher und findet man sie heute wieder vor (siehe hier) – leider kommen sie viel zu selten wirklich zum Einsatz. Das ist mir auch vor kurzem bei Vielleicht lieber Morgen aufgefallen. Zwar schenkt Charlie Sam eine Platte von den Beatles, aufgelegt wird diese aber nicht. Stattdessen quatschen die beiden – wie laaaangweilig. Musik transportiert oft so viel mehr Innenleben als einfache Worte aus dem Drehbuch, vor allem wenn sie intradiegetisch ist, also zur erzählten Welt gehört. Ein besonders gutes Beispiel ist der Einsatz des Songs Strange Feelin‘ (von Tim Buckley) in Me Without You mit Michelle Williams. Leider legt Williams hier eine CD ein, aber immerhin läuft ein Lied, das diesen Moment zum besten des ganzen Filmes macht.

Es gibt noch unzählige weitere Songs, die in besonderen Filmmomenten als Schallplatte aufgelegt werden. Hier eine Liste:

  • Devil got my woman von Skip James in Ghostworld. Enid (Thora Birch) und Rebecca (Scarlett Johansson) haben gerade die High School abgeschlossen, doch während Rebecca erstes Geld verdient, hängt Enid nur ab. Durch einen Kontaktanzeigen-Streich lernen die Freundinnen den verschrobenen Einzelgänger und Musiknerd Seymour (Steve Buscemi) kennen. Er zeigt Enid seine Plattensammlung, darunter den Bluessong Devil got my woman, der sie besonders berührt. Außerdem ein ziemlicher Ohrwurm: A Smile and a Ribbon von Patience and Prudence aus den 1950er Jahren
  • Venus in Furs von The Velvet Underground in Last Days. Während Rockstar Blake die letzten Tage seines Lebens verlebt, legt Scott Venus in Furs (1967) auf, lehnt sich an die Couch, wippt und singt mit. Wie in Ekstase lässt er sich in diesen Song fallen, ein Gefühl, das wir bestimmt alle von dem ein oder anderen Lied kennen.
  • The Young Person’s Guide to the Orchestra, Op. 34: Themes A. – F. (1946) von Benjamin Britten in Moonrise Kingdom (2012). Im Intro von Wes Andersons Film sitzen drei Kinder um einen türkisfarbenen tragbaren Plattenspieler aus Plastik und lauschen einer ganz besonderen Melodie. Mir kam sie gleich bekannt vor, und zwar aus Stolz und Vorurteil (2005): Es handelt sich darin um A postcard to Henry Purcell, Dario Marianellis Version von Purcell’s Abdelazar (ab Minute 5). Der Plattenspieler kommt übrigens nochmals zum Einsatz: Suzy Bishop klaut ihn ihrem kleinen Bruder und tanzt auf der Flucht mit Pfadfinder Sam Shakusky in Unterhosen zu Le temps de l’amour von Francoise Hardy.
  • She smiled sweetly von den Rolling Stones in The Royal Tenenbaums. Richie Tenenbaum (Luke Wilson) kehrt nach einem Selbstmordversuch zurück ins Haus der Familie Tenenbaum und trifft seine große Liebe und Stiefschwester Margot (Gwyneth Paltrow) in seinem Zelt. Wes Anderson lässt Margot andächtig die Platte She smiled sweetly auflegen, es gleicht einer kleine Zeremonie. Als Richie und Margot gemeinsam auf dem Feldbett liegen, folgt der bekanntere Song der Stones: Ruby Tuesday.
  • Habanera aus der Oper Carmen von Georges Bizet in Disneys Aristocats (1970). Könnt ihr euch noch an Georges Hautecourt erinnern? Diesen wirren alten Herrn, der in seinem knatterigen Oldtimer angebraust kommt, beinahe die Treppen hinterfällt und dann mit Madame Adelaide Bonfamille und ihren Katzen tanzt (hier)? Der entsprechende Song ist übrigens kein geringerer als Georges Bizets Habanera, der aus einem alten Grammophon zum Kurbeln säuselt.
  • Indian Love Call von Slim Whitman in Mars Attacks. In Tim Burtons skuriller Alien-Apokalypse spielt Indian Love Call mit die wichtigste Rolle. Das Gejodel der Country Legende ist nämlich Grandmas (Sylvia Sidney) absoluter Lieblingssong, kann für andere aber unerträglich bis tödlich (Marsianer!) sein. Nur merkt das lange niemand, weil die Oma ihn mit am Plattenspieler angestöpselten Kopfhörern hört. Erst als zufällig die Kabel gezogen werden, zeigt sich die wahre Kraft von Slim Whitmans Platte.
  • The Donkey Serenade gesungen von Mario Lanza in Heavenly Creatures. In Peter Jacksons außergewöhnlicher Verfilmung eines auf Tatsachen beruhenden Mordfalles tanzen die beiden Freundinnen Pauline (Melanie Lynskey) und Juliet (Kate Winslet) zur Platte des italoamerikanischen Opernsängers Mario Lanza.

 

Ich werde die Liste noch weiterführen und nehme sehr gerne Tipps an. Vielen Dank schonmal an die Twitterer @macsorcist für den Link und @LeoDoppelherz für die Filmvorschläge. 😉

„Es tut mir leid, ich bin… ein Rock’n’Roll-Klischee.“

Ein Film über die letzten Tage im Leben eines Rockstars, der wie Kurt Cobain aussieht, sich wie er kleidet, wie er singt und wie er stirbt, es aber dennoch nicht ist.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=HFWnZW3esb8

Das Erste, das Blake tut, ist: Kotzen. Später wird er weiter durchs Unterholz stolpern, nackt in einen Fluss springen und demonstrativ hineinpinkeln. Spindeldürr und blass ist er, als er aus dem Wasser kraxelt, erinnert er mich stark an Gollum. Parallelen zu ihm mögen Zufall sein, die zu Nirvana-Frontman Kurt Cobain († 5. 4. 1994) sind es nicht. Mit seinem Film „Last Days“ stellt der Regisseur Gus Van Sant ganz bewusst eine Referenz zum tragischen Tod des Grunge-Idols her. Schauspieler und Sänger Michael Pitt trägt als Rockstar Blake Kurts strähniges Haar, seinen Stoppelbart, zerrissene Jeans, Chucks, Streifenpulli, gelegentlich ein Kleid. Er ist ungesund abgemagert, sein Text unverständliches Gemurmel, das er mit seinen Seelenqualen im dicken Parka herumträgt. Er ist gerade aus der Entzugsklinik geflohen und versteckt sich auf seinem Anwesen vor Exfrau und Privat-Detektiv.

Bei den Kritikern kam Van Sants Drama aus dem Jahr 2005 nicht so gut an. Zu wenig Handlung und das Innere von Blakes Charakter komme zu kurz, bemängelten manche. Ich empfinde genau das Gegenteil: Der ganze Film steckt voller Innenleben, transportiert wird es von Kamera, Musik und Soundkulisse. Aufdringlich schellen Kirchenglocken, Telefon und Türklingel und wenn Blake selbst zu Instrumenten greift, ist das Ergebnis verzweifelter Gesang. Pitt imitiert Cobains Stimme erstaunlich gut. Er singt die hohen Töne ebenfalls mit der Bauch-/Bruststimme, was den Gesang rau und „echt“ wirken lässt – das Geheimnis von Cobains Authentizität, wie eine Analyse (ab S.57) ergab. Mittels ungewöhnlich langer Einstellungen und zeitlupenartigen Bewegungen von Blake und der Kamera wird dessen innere Qual bildlich in die Länge gezogen. Van Sant beschränkt sich dabei auf wenige, sehr ähnliche Perspektiven. Manchmal bleibt die Kamera wie in Trance an einer Stelle, etwa einem Gebüsch im Garten, hängen. Zusehen fühlt sich beinahe wie Meditation an und erinnert mich an „2001 – Odysee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick.

Das bisschen Handlung wiederholt sich in einem Déjà-vu: Immer wieder tanzen Blakes Freunde in seinem Haus zu „Venus in Furs“ von Velvet Underground, wiederholt erzählt Luke von seinem Song, die Flucht Blakes vor Donovan und dem Privatdetektiven läuft immer gleich ab. Ein unaufhörlicher Strudel der Verzweiflung, zusätzlich verstärkt durch die Positionierung Blakes in Türrahmen, die für das Gefühl des Gefangen-Seins steht. „Bist du frei?“, fragt ihn Sonic-Youth-Frontfrau Kim Gordon. „Frei genug, um die Gitarre zu spielen?“ Von wegen. Blake ist eingekesselt zwischen Ruhm, Drogensucht und Erwartungen, weswegen er infantil wird, wie ein Kleinkind zur Tür krabbelt oder sich in das Bett seiner Tochter legt. „Ich habe auf meinem Weg etwas verloren, auf meinem Weg dahin, wo ich heute bin“, schreibt er in sein Notizbuch.

Als Nirvana-Fan habe ich unzählige Dokus über die Band und Kurt Cobain durch. Alle versuchen sie seine Gedanken zu sezieren, darunter auch „Montage of Heck“, die vergangenes Jahr erschien. Seziert wird in „Last Days“ nichts. Angenehm. Aber wie gesagt: Es geht darin ja nicht um Cobain, sondern um den Niedergang eines x-beliebigen Rock’n’Roll-Klischees. 😉

Fazit: Wer auf Grunge und Filme ohne Handlung steht, kann mit „Last Days“ sicherlich etwas anfangen.

Tipp: Bis 14. April 2016 ist „Last Days“ noch in der Mediathek von arte.tv zu sehen.

Schönste Einstellung:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=rShdRx2zhRs

„Last Days“ (USA 2005). Ab 12 Jahren. Von Gus Van Sant (Regie, Drehbuch und Schnitt). Mit Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento und mehr. 97 Minuten.