Warum wir mehr Fanfiction lesen sollten

Als er seinen Blick zu den beiden auf der Couch wandern ließ, waren sie gerade dabei, sich zu küssen. Remus hatte sich über Sirius gebeugt, seine Hand noch immer in dessen Locken. Ihre Lippen…

Was. Ähem. Was?

Lupin und Sirius küssen sich, ich äh – war erst einmal ziemlich überrascht. Und dann fing ich an, mehr Fanfiction zu lesen. Der Zufall (besser gesagt: meine Twitter-Timeline) wollte es, dass ich mit Harry-Potter-Fanfiction beginne. Gelandet bin ich bei einer Remus/Sirius-Lovestory, geschrieben von einem Pseudonym namens Dwight4Studly. Slash Fiction (ein Genre der Fanfiction, bei dem überwiegend männliche Figuren was miteinander anfangen)  war mir kein Begriff und so fand ich mich plötzlich in einer Geschichte mit sexuell erregten Harry Potter-Charakteren wieder. Andererseits – mal abgesehen von der nicht so tollen Schreibfertigkeit des Autoren – hat das aber was. Lupin und Sirius, warum nicht? Zwei meiner Lieblingscharaktere (neben Snape und ja, Snape und Slash fiction scheint ein eigenes Kapitel zu sein), denen in Rowlings Büchern für meinen Geschmack viel zu wenig Platz eingeräumt wurde.

Bei Fanfiction (oder Fanfic, FF) handelt es sich um Geschichten, die Fans über Realpersonen schreiben oder aus Buch-, Film-, Game- oder Comicplots weiterspinnen. Ihren Anfang nahm FF mit Star Trek fanzines in den 1960ern, quasi Fan-Magazinen zur Star Trek-Serie, in denen auch FF abgedruckt wurde. Mit dem Internet und der Möglichkeit, eigene Fanfiction online zu stellen, wuchs die Popularität. 1998 kam das Fanfiction-Archiv FanFiction.net dazu, das heute rund zwei Millionen User verzeichnet. Im aktuellsten Ranking steht Fanfiction über Twilight, Pokémon und Lord of the Rings ganz oben – hinter Harry Potter mit 746000 Stories auf Platz 1.

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Bothering Snape: Wie ich mein Bedürfnis nach Snape-Fanfiction mit Youtube-Videos stillte. (Foto/Illustration: frauktose)

Für mich war Fanfiction bisher ein eigener Kosmos mit bestimmten Regeln und ganz viel Insiderwissen. Vor zehn Jahren kam ich erstmals in Kontakt damit, als ich das Bedürfnis verspürte mehr über Snape zu erfahren. Ich zog mir diverse Snape-Fanart-Videos wie Bothering Snape rein. Heute weiß ich: Mein 15-jähriges Ich hätte Snape-Fanfiction in Textform viel besser gebrauchen können. Aber scheinbar mangelte es mir an der notwendigen Medienkompetenz im Internet des Jahres 2006 meine Sehnsucht zu stillen.

Warum sollten wir alle mehr Fanfiction lesen?

Fanfiction stillt nicht nur das Bedürfnis nach mehr (Lupin, Hogwarts, Zauberwelt). Sie eröffnet uns auch eine andere Sicht auf Bücher, Filme und Co. Standard-Liebesbeziehungen werden ersetzt durch homo-, bi-, trans-, intersexuelle (und mehr) Varianten, insbesondere im Slash-Genre, das übrigens mit Star Trek-Fanfiction (genauer: Kirk/Spok-Stories Anfang der 70er) entstanden ist. Fanfiction bietet in ihrer Vielzahl auch eine Vielfalt und Andersartigkeit abseits der am Mainstream oder Hollywood-Kino orientierten Erzählung. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Vorbehalte gegenüber Slash Fiction. Dwight4Studlys Remus/Sirius-Kapitel wurde mit „Disgusting“ kommentiert (da ist das Wort Vorbehalt wahrlich eine Untertreibung). Außerdem auffällig ist, dass viele FF-Hauptfiguren trotz (oder vielleicht aufgrund) überwiegend weiblicher FF-Produzenten und -Konsumenten männlich sind. Das mag vielleicht daher kommen, dass eben auch Filmfiguren in der Mehrzahl männlich sind. Eine Nische in der Slash Fiction-Schublade ist das Subgenre Femslash, das eine romantische und/oder sexuelle Beziehung zwischen zwei weiblichen, in Filmen, Büchern etc. eigentlich heterosexuellen Figuren thematisiert. Beispielhaft dafür ist Arwen/Eowyn-Fanfiction (Herr der Ringe).

Dennoch: Anders als die medialen Produkte selbst, auf die sich FF bezieht, untergräbt sie gängige Gesellschafts- und Geschlechterkonzepte. Gleichzeitig hat FF einen nicht-kommerziellen Charakter und ist dank Internet für jeden zugänglich. Diverse NPOs wie die Organization for Transformative Works archivieren die Texte und stellen sie zur Verfügung. Besonders erfolgreiche Fanfiction wird allerdings auch vermarktet, siehe 50 Shades of Grey, urspünglich Twilight-Fanfic.

Da Fanfiction ein Jedermann-Onlinecontent ist, lässt die Qualität hin und wieder zu wünschen übrig. Was ich bisher gelesen habe, war manchmal richtig mies. Viele Texte wirken, als hätten die jeweiligen Autoren sie für sich selbst geschrieben (wobei das ja nicht verwerflich ist). Schreibtechnik, Wortwahl, Grammatik, eine ansprechende Atmosphäre sucht man da oft vergebens. So passiert es, dass man sich durch schlechte und geschmacklose Texte wühlt, bis man irgendwann ein liebevoll ausgearbeitetes Stück Fanfiction findet. In meinem Fall war es Prisoner of the Moon von Linda Lupos, Band 3 der Harry Potter Reihe aus der Sicht von Remus Lupin. Sie schrieb in ihrer AN (Author’s Note), dass sie Slash-Elemente vermeiden wollte. Das ist ihr in ihren 16 Kapiteln (ungefähr 83 Seiten) größtenteils gelungen, abgesehen von ein paar zweideutigen Stellen, die sie der Phantasie der Leser überlässt. Lupos hat sich sehr an Schreibstil und Wortwahl von Rowling sowie dem Inhalt von Band 3 orientiert und ihre Fanfiction mit einem selbstironischen Lupin-Interview abgeschlossen.

Wer selbst Fanfiction schreibt, muss sich auf urheberrechtliche Einschränkungen gefasst machen. Dabei unterstützen manche Autoren (Rowling bis zu einem gewissen Grad) FF, während andere überhaupt nichts davon halten (Anne McCaffrey oder Anne Rice). An Tipps und Plattformen (z.B. Wattpad) dürfte es (angehenden) FF-Autoren nicht fehlen. Als jemand, der selbst gerne schreibt, bin ich noch unentschlossen, ob ich mein Wattpad-Profil wiederbeleben und mich an FF versuchen sollte. Vor kurzem fielen mir zwei analoge FF-Versuche in die Hände, die ich mit elf notiert hatte: Eine Silvester-Fortsetzung von Die Wilden Hühner und eine neue Story für die Fünf Freunde-Reihe. Vielleicht führe ich sie eines Tages fort 🙂

 

Und ihr so? Seid ihr Fanfiction-Leser und wenn ja, was könnt ihr empfehlen? Schreibt ihr vielleicht sogar selbst?

Remus watched the night fall through the windows of his office. He was wearing barely more than a T-Shirt and loose-fitting robes. He was ready for the transformation, and at the same time dreading it. (Prisoner of the Moon/Cpt. 3 by Linda Lupos)

 

 

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