Im Nirgendwo

Der schönste Moment eines Tages ist sein Anbruch. Wenn der schwarze, mit Sternen gesprenkelten Nachthimmel langsam in Blau übergeht und sich am Horizont eine rosafarbene Linie bildet. Ich habe diesen Moment häufig erlebt, doch nie war ich mir seiner Schönheit so bewusst, wie an jenem Morgen nach dem Abend unserer ersten Begegnung. Ich erinnere mich genau. Meine kalten Füße sind es, die mich zum richtigen Zeitpunkt wecken. Bei Morgenanbruch sinkt die Tagestemperatur auf ihr Minimum, hab‘ ich gelesen. Und ich glaube, das ist Absicht, weil der Tag uns wecken will, damit wir diesen einen Moment spüren, der sich vor den Morgen und seine Geschäftigkeit schiebt. Dieser eine Augenblick, in dem der Motor aussetzt, ehe er beschleunigt. Und die Zeit kurz rückwärts geht.

Ich ziehe die kalten Füße näher an meinen Körper, der sich an den unbequemen Beifahrersitz schmiegt. Nehme einen tiefen Atemzug. Die Luft riecht abgestanden, ein bisschen nach Leder und Imprägnierspray, nach alten Turnschuhen und Tequila-Atem. Vermischt mit dem Grundgeruch eines Autos, bei dem sich mir als Kind immer der Magen umgedreht hatte. Ich öffne die Augen. Vor mir setzt sich verschwommen ein Mikrokosmos aus staubigem Armaturenbrett, verschmierter Windschutzscheibe und verstummtem Autoradio zusammen. Hinter der Scheibe die Motorhaube mit dem Hagelschaden im Lack, der mich an sonnenverbrannte Haut erinnert. Und dahinter das vom Tau nasse Gras, das in seiner Summe eine Wiese ergibt. Auf dem Hügel einer endlosen Sinuskurve bis zum Horizont. Dem Horizont mit dem rosa Streifen.

Du liegst auf dem Fahrersitz, hast dich hinter dem Lenkrad klein gemacht, mit dem Gesicht zu mir gewandt. Du trägst nur Socken und ich hoffe, die Kälte weckt dich bald genauso wie mich. Ich betrachte deine Gesichtszüge, deine konturlosen Augenbrauen, die Schatten unter den geschlossenen Augen. An einer Schläfe kleben noch die Reste vertrockneter Wimperntusche, die du dir müde von den Wimpern gerieben hast. Deine Haut reflektiert das Blau und das Rosa des Himmels. Nur ganz leicht.

Hinter mir das Geräusch von nackter Haut, die sich bewegt und dabei gelegentlich am Ledersitz kleben bleibt. Ich habe fast vergessen, dass noch jemand mitgekommen ist, um mit dir und mir ins Nirgendwo zu fahren und alles zu vergessen.

Torpidität

Dies ist ein ruhender Blog. Eine Phase des: Ich weiß nicht wohin damit. Machen das nicht alle Blogger mal durch? Für den frauktose-Blog bedeutet das, dass meine Film- und Buchkritiken wieder zurück in den Entwürfe-Ordner gehen und dort vor sich hin vegetieren. Was öffentlich bleibt, hat mich entweder sehr viel Mühe gekostet oder ist eine Kurzgeschichte (meistens beides).

Es gibt für mich viele Gründe, den Blog in den Zustand der Torpidität zu versetzen. Zum Beispiel die Frage, was mich überhaupt dazu befähigt, das Internet vollzuschreiben (siehe ein anderer Beitrag). Und eine gewisse Diskrepanz zwischen meinem Denken und meinem geschriebenen Wort. Sie wächst mit dem Verstreichen von Zeit immer mehr.

Könnt ihr euch noch an meine Filmkritik zu Blau ist eine warme Farbe erinnern? Ich hoffe nicht. Sie war ganz einfach bescheuert. Ich habe mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, weil ich dachte, das muss so. Bei erneutem Lesen stellte ich fest, dass sich meine Meinung, was den Film betrifft, nicht mehr mit der Filmkritik deckt. Was aber nicht heißt, dass ich ihn jetzt supertoll finde. Meine Meinung ist in irgendeine Graustufe zwischen Schwarz und Weiß abgewandert. Und der Text ist mir mittlerweile peinlich. Wie so viele andere Texte, die ich bislang geschrieben habe. Das passiert. Schriftsteller schämen sich manchmal im Nachhinein für ihre Bücher, warum sollte es mir mit meinem belanglosen Kram nicht ebenso gehen?

Eigentlich ist es etwas Gutes, wenn das Zukunfts-Ich die Gedanken des Vergangenheits-Ichs nicht mehr versteht. Das bedeutet, dass sich die eigene Sichtweise und das Denken ein Stück weiterbewegt haben. Meinungen und Ansichten sind eben nicht statisch und in Stein gemeißelt. Sie bewegen sich durch den Raum, nehmen neue Partikel auf und streifen alte ab. Was mich früher begeistert hat, ödet mich heute manchmal an.

Vielleicht steht dieser Blog auch deswegen still, weil ich die Stille gerade gut gebrauchen kann. Um mich herum tobt alles, die kleine Welt ebenso wie die große. Und in meinem Kopf erst. Der versucht zu begreifen, was das alles bedeutet. In wenigen Monaten muss er neue Entscheidungen fällen und meinen Körper zum nächsten großen Schritt im Leben manövrieren, der mit vielen Erwartungen verbunden ist. Bis dahin versuche ich, sämtliche Gedanken daran aus dem Kopf zu verbannen und die Leerstellen mit Wissen zu füllen. Die Bachelorarbeit ist vielleicht das Beste, das mir gerade passieren konnte.

Seht es mir nach. Bestimmt finde ich irgendwann eine Richtung.

eure frauktose

 

Das Runkel

Der nachfolgende Text war als spontanes Weihnachtsgeschenk für meine Oma gedacht. Als Inspiration dienten Sagen aus dem Bayerischen Wald und „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende; außerdem Erzählungen und Anekdoten von Verwandten, Bekannten und Freundin. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Geschichte so gefällt. Aber der großmütterlichen Rückmeldung zufolge gefiel sie zumindest der Beschenkten. Und das ist die Hauptsache. (Ich bitte etwaige Tippfehler zu entschuldigen, der Text ist leider unredigiert.) Viel Spaß all jenen, die sie lesen möchten ❤


Für Oma.

Dezember 2016

Drei Tage vor Weihnachten war ganz Nünleinshütt in Aufruhr. Die jüngste Tochter von Ignaz Koller war spurlos verschwunden. Niemand wusste seit wann, niemand wusste wohin. Einzig das Warum schien klar, schließlich war Toni, so hieß die Kleine, dafür bekannt, sich gerne zu verstecken.

Toni Koller war erst fünf. Die Kollers lebten als Inwohnerfamilie auf dem Lemberger-Hof in Nünleinshütt, einem kleinen Dorf im hintersten Winkel eines großen Waldgebietes. Wer in Nünleinshütt wohnte und keinen Hof oder Wald besaß, verdiente sich als Knecht oder Magd den Lebensunterhalt. So auch Ignaz Koller und seine Ehefrau Zenz. Die aufkeimenden Gefühle, die der junge Knecht für Zenz empfand, überdauerten zunächst einen Krieg, der Ignaz mit 17 an die Westfront rief. Von einem Tag auf den anderen legte er seine Arbeit nieder und verließ zum ersten Mal sein Heimatdorf. Zenz winkte ihm schüchtern zum Abschied, auf ihrem Gesicht ein dunkler Schatten. Ihr Ausdruck erschien Ignaz wenige Wochen später erneut im Schützengraben. Ergriffen von der plötzlichen Erscheinung seiner Liebsten stand er aufrecht in seiner geistigen Abwesenheit da, ehe ihn ein Kamerad zu Boden riss und ihn so aus der Flugbahn einer feindlichen Kugel zog. Nie hatte Ignaz seinen Retter gesehen und doch versuchte er sein Leben lang eine Erinnerung an ihn heraufzubeschwören. Erst auf seinem Totenbett sollte ihm dessen Name Erich in den Sinn kommen, doch völlig zusammenhanglos und ohne, dass seine Angehörigen damit etwas anfangen konnten.

Unversehrt und doch sehr mitgenommen kehrte der magere Knecht als erschöpfter Mann aus dem Krieg heim. Auf dem Lemberger-Hof erkannte man Ignaz zunächst nicht, mit Ausnahme von Zenz, die mit einem Strauß Heidekraut auf ihn gewartet hatte. Der Anblick des Todes hatte seine Augen traurig werden lassen und zwei tiefe Falten zwischen seine dunklen Augenbrauen gebrannt und doch bewirkte das Heidekraut, dass ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte. Wenig später hielt Ignaz um die Hand der Magd an und führte sie an den Traualtar. Voll Zuversicht, da der Krieg sich dem Ende zugeneigt hatte. Unwissend, dass es einen zweiten geben würde, der viel schlimmeren Ausmaßes war.

Die Zeit der Schützengräben war vorbei, die nachfolgenden Winter blieben hart. Auf dem Lemberger-Hof arbeiteten die Knechte und Mägde unentwegt und in den wenigen Verschnaufpausen entstanden Familien. Schon während der Trauung wusste Zenz, dass sie einen Sohn erwarten würde – zu jenem Zeitpunkt befand sich der kleine Franz noch in einem Stadium, in dem er mehr einem Schwein als einem Menschen ähnelte. Sobald er geboren wurde, merkte man davon natürlich nichts mehr.

Das junge Ehepaar hatte Glück: Ihm fielen eine Stube und zwei kleine Schlafkammern auf dem Hof zu. Die Räume lagen ebenerdig und waren spärlich eingerichtet, der Boden nicht mehr als platt getretene Erde und ein einziges quadratisches Fenster in etwa so groß wie Ignaz‘ Kopf ließ ein wenig Sonnenlicht herein. Die Schlafkammern waren mit abgetretenen Teppichen ausgelegt und fensterlos, weswegen man sich ohne Kerze nicht in ihnen zurecht fand. Manchmal glaubte Zenz in deren Dunkelheit Gestalten zu erkennen und nachts hoffte sie, dass ihr Mann mit seinem lauten Schnarchen sie vertreiben würde. Die zweite Schlafkammer war nur halb so groß wie das Schlafzimmer, sollte aber bald vier Kinder beherbergen.

Franz, der erste Sohn der Kollers, machte gerade erste Schritte in der Stube, als bei Zenz Wehen einsetzten. Eilig stapfte die Obermagd zu den Hofbesitzern, die, erschöpft vom Heuwenden, ihre Abendsuppe löffelten. Juni und Juli waren im Jahr 1920 so trocken und heiß, dass die Nünleinshütter den Herrgott in ihren abendlichen Gebeten baten, es endlich regnen zu lassen. Die Hitze machte auch der hochschwangeren Zenz zu schaffen. Ihr braunes, dünnes Haar klebte in feinen Strähnen an ihren nassen Schläfen, auf ihrer Nase traten dicke Schweißperlen hervor. Selbst in der kühlen Kellerstube war es für Zenz Koller nicht kühl genug. Als die Wehen einsetzten, war ihr Bauch dick angeschwollen und kleine Äderchen zierten wie Flüsse auf einer Landkarte ihre gedehnte Haut.

Mit Frau Lemberger hatte Zenz eine erfahrene Geburtshelferin an ihrer Seite. Sie war bei der Geburt von Franz dabei, hatte selbst acht Kinder zur Welt gebracht und insgeheim war es ihre liebste Beschäftigung auf dem Hof, der Geburt junger Kälber, Fohlen und Menschen beizuwohnen. Sie mochte den säuerlichen Geruch, den frischgeborene Säugetiere anfangs an sich trugen. Die Geburt von Ignaz jedoch überforderte selbst die Bäuerin. Behutsam bettete sie Zenz Koller in das Bett im stockdunklen Schlafzimmer und befahl den Mägden, so viele Kerzen wie nur möglich anzuzünden. Umgeben von einem Lichtermeer kam das Kind Stück für Stück zum Vorschein. Die Nabelschnur war zweimal um seinen Hals gewickelt und versuchte ihn, einer Würgeschlange gleich, zu erdrücken. Die Mägde hatten das Geschehen vom Türrahmen aus beobachtet. Beim Anblick der engen Nabelschnur erschrak eine und stieß versehentlich eine Kerze um, die den Teppich vor dem Bett in Flammen aufgehen ließ. „Ach du meine Güte!“, rief Frau Lemberger. Mit ihren kräftigen Fingern versuchte sie die Schnur um Ignaz‘ Hals zu lockern, während das Feuer bereits ihren Rockzipfel ansengte. Zwei Mägde stampften auf den Flammen herum, doch sie schafften es nicht, sie zu tilgen. Als das Feuer den Rockzipfel der Bäuerin hochwanderte, versuchte diese reflexartig mit dem Kind in den Händen aus der Kammer zu laufen, was zur Folge hatte, dass sich die Nabelschnur noch enger um den kleinen Hals zog.

Es war eine verflixte Geburt und wer hätte gedacht, dass es die Obermagd sein würde, die dem Durcheinander ein Ende machte? Gerufen von hysterischen Schreien stampfte sie in die Koller-Stube, schob die Mädchen unsanft auseinander und nahm beide Ecken des brennenden Teppichs. Die Bäuerin stolperte zur Seite, die Obermagd klappte den Teppich zusammen und erstickte die Flammen unter seinem dicken Stoff. Mit einem „Es tut mir leid, Frau Lemberger, aber ich muss!“, zog sie ihrer Chefin den Rock herunter, lief damit in den Hof hinaus und trampelte auf den Flammen herum, bis sie erloschen. Im angekokelten Unterrock gelang es Frau Lemberger schließlich die Nabelschnur zu lockern, sie mit einem Messer zu durchtrennen und dem Kleinen ein Weinen zu entlocken.

Ignaz Koller kam zu spät zur Geburt seines zweiten Sohnes. Er war mit Herrn Lemberger und drei Knechten im Wald unterwegs, um zwei Fichten zu fällen. Mit dem Holz sollte die große Scheune am Lemberger-Hof ausgebessert werden. Als die Männer zurückkehrten, hielt man Ignaz ein kleines Knäuel hin, das fortan seinen Namen trugen durfte. Vielleicht lag es daran, dass sie Namensvetter waren – jedenfalls verband Ignaz und seinen zweiten Sohn ein Leben lang tiefe Freundschaft. Aus den Holzüberresten, die nicht mehr gebraucht wurden, zimmerte sich der junge Vater eine Bank und stellte sie wenige Tage nach der Geburt unter der Linde am Hofeingang auf. Auf ihr verbrachten die Kollers noch viele Sommerstunden, dabei zusehend, wie die dunklen Wälder in der abendlichen Dämmerung langsam eins mit dem blauen Himmel wurden.

Die Jahre verstrichen und das Land erfreute sich wirtschaftlichen Aufschwungs. In den Städten viele Wegstunden entfernt tanzte man Charleston und ging ins Lichtspielhaus. Frauen trugen ihr Haar kurz, rauchten in der Öffentlichkeit und entschieden sich, weniger Kinder zu bekommen. In Nünleinshütt bekam man von all dem nur sehr wenig mit. Zenz trug ihr langes Haar pragmatisch zu einem Knoten aufgerollt und Gedanken über ihr Rollenbild als Mutter erstickte sie in Windeseile wieder im Keim.

Die Goldenen Zwanziger, wie diese Zeit später genannt wurde, endete in einer Weltwirtschaftskrise. Da hatten die Kollers bereits vier Kinder. Zu Franz und Ignaz junior kamen Elisabeth, genannt Else, und Antonia, genannt Toni, hinzu. Womit wir nun endlich bei der kleinen Toni wären. Toni unterschied sich in ihrem Charakter sehr von ihren Geschwistern. Das dünne, blasse Mädchen entwickelte bald eine Neigung dazu, sich vor Menschen zu verstecken. Den ganzen Tag durchforstete sie den Lemberger-Hof nach geeigneten Schlupfwinkeln und es schien ihr egal, wenn sie aus Sicht der Hofbewohner äußerst ungeeignet waren. Toni war überaus schüchtern, am liebsten sprach sie mit niemandem. Und sie hatte einen äußerst starken Willen und tat, wonach ihr der Kopf stand.

Unweit vom Hof entfernt entdeckte die Fünfjährige einmal einen alten Fuchsbau. Ihr neues Lieblingsversteck. Der Höhleneingang war gerade so groß, dass Toni sich ein Nest bauen konnte. Sie brachte ihr Kopfkissen in die Höhle und legte den Boden mit Strohbüscheln aus, die sie aus der Scheune mitgehen ließ. An manchen Nachmittagen schlief sie dort. Zenz suchte vergebens nach Tonis Kissen, gab es bald auf und nähte ihr eines aus ihrer alten Küchenschürze. Währenddessen füllte sich die kleine Höhle mit steinharten Brotresten, einer Sammlung aus weißen Kieselsteinen und verwelktem Heidekraut, mit dem Toni die rissigen Wände dekoriert hatte. Die Brotkrumen lockten bald Kaninchen an und als Toni deren Köttel im Stroh entdeckte, beschloss sie Tierbeobachterin zu werden. Sie versteckte sich im Gebüsch ganz in der Nähe, und sah den Nagern dabei zu, wie sie in ihre Höhle huschten, bis ihnen eines Tages Herr Lemberger mit der Jägerflinte folgte. „Was ist denn das?“, staunte er, als er das von Menschenhand gemachte Nest sah. Toni konnte ihr Kichern kaum unterdrückten, wurde von Lemberger entdeckt und unsanft am Kragen zum Hof gezerrt. „Nichts als Ärger machst du uns, kleine Toni!“, schimpfte er sie und später schüttete er mit ihrem Vater die Höhle samt Einrichtung zu. Toni musste Ignaz versprechen, nie mehr in einen Fuchsbau zu kriechen. „Wehe dem Fuchs, der dich da findet und dich beißt!“, wedelte er mit drohendem Zeigefinger vor ihr herum, ohne auf Tonis Widerrede vorbereitet zu sein. „Dann beiße ich eben zurück“, entgegnete sie ihm trotzig. „Halt dein freches Maul!“ Ignaz holte schon zu einer Ohrfeige aus, als Zenz ihn zur Nachsicht ermahnte: „Es bringt doch nichts.“ Und er ließ die Hand fallen. „Hast du denn vergessen, wer alles in den Höhlen lebt? Schratzel, Bären, Geister, vielleicht der Teufel!“, versuchte Ignaz ihr Angst einzujagen. Was er nicht wusste, vielleicht, weil er sich nie für die Eigenheiten seiner Tochter interessiert hatte, war, dass sie keinerlei Angst vor seinen dunklen Sagengestalten verspürte. Sie hatte sie alle schon gesehen – in den dunklen Ecken des Hofes und in der Schlafkammer der Eltern. Anders als ihre Mutter wagte sich das Mädchen ohne Kerze hinein, um die Gestalten genauer zu betrachten. Manchmal glaubte sie, einen Säugling zu sehen, um dessen Hals eine blaue Würgeschlange gewickelt war.

In Nünleinshütt hatte sich die Geschichte der kleinen Toni und ihrer Schlafstätte im Fuchsbau schnell verbreitet. Das Mädchen suchte sich in Zwischenzeit ein neues Versteck: Unter ihrem Bett. Tagsüber war kaum jemand in der Stube, geschweige denn im Kinderzimmer anzutreffen. Die Eltern arbeiteten am Hof, Franz, Ignaz und Else halfen gelegentlich mit. Franz war zu einem kräftigen Burschen herangewachsen, sein blonder Haarschopf dunkelte über die Jahre nach und bald sah er mit seinem aschblonden Kurzhaarschnitt wie der Vater aus. Ignaz junior hingegen wuchs seit jeher dunkles, dickes Haar, das er sich später als Erwachsener mit einer Pomade nach hinten kämmen würde. Else schien wie durch ein unsichtbares Band mit ihrer Puppe Maria verbunden zu sein. Selbst in die Schule, zu der die drei Geschwister gemeinsam gingen, nahm Else ihre Puppe mit. Der Schulweg führte die Kinder vom Hof unmittelbar hinein in den Wald und mitten durch die Heidelbeersträucher, die im Sommer an ihre nackten Beine kratzten. Das Schulhaus fiel mit einem einzigen Klassenzimmer sehr klein aus. Für die Nünleinshütter reichte es gerade so, gab es ihm Dorf doch nur knapp 40 schulpflichtige Kinder (und acht davon kamen vom Lemberger-Hof). Dicht an dicht gedrängt saßen sie im Klassenzimmer, lernten lesen und schreiben und bekamen rissige Hände von den trockenen Kreiden, mit denen sie auf Schiefertafeln das Alphabet malten.

Ignaz und Zenz waren glücklich mit ihrer Wohnung, auch wenn es im Winter trotz des glühenden Ofens schrecklich kalt darin wurde. „Das sind halt die Waldwinter“, pflegte Ignaz zu sagen, weil er es nicht anders kannte. In den Wintermonaten weckte Zenz die Kinder vor Sonnenaufgang mit einer Tasse warmer Milch, auf der sich dicke Haut gebildet hatte und die Kinder tunkten zum Frühstück eine Scheibe Brot hinein. Der Weg zur Schule war aufgrund der Schneemengen beschwerlich, auch wenn die Wipfel der Fichten viel von den dicken Flocken auffingen. Die Kinderschuhe hielten weder Wasser noch Kälte ab, nur die Wollsocken spendeten ein bisschen Wärme, zumindest bis sie vollkommen nass waren. Ausnahmslos jedes Dorfkind holte sich mindestens einmal pro Winter eine schlimme Erkältung, manchmal sogar zwei.

Um Wintersonnenwende war der Wald, durch den Franz, Ignaz und Else marschierten, morgens stockdunkel. Auf einen dieser Tage fiel ein letzter Schultag vor den Weihnachtsferien. Inmitten des Lemberger-Hofes kündete eine mit golden bemalten Walnüssen behangene Tanne vom bevorstehenden Weihnachtsfest. In der Schule hatte man für den letzten Tag ein kurzes Krippenspiel einstudiert, das die Kinder für sich selber aufführten. Else durfte Maria spielen. Im Schein der Kerze wiederholte sie in der Stube ihre Verse unter genauer Beobachtung ihrer kleinen Schwester Toni. „Lasst uns ein, werter Herr!“, rezitierte Else mit monotoner Stimme. „Ich… wir…“ Sie warf nochmals einen Blick auf ihre Zeile, die sich einfach nicht einprägen ließ. „Wann ist denn dieses Krippenspiel?“, fragte Toni ungeduldig. „Morgen, aber davon wirst du nichts mitbekommen, Toni, schließlich gehst du noch nicht zur Schule“, meinte Else und besann sich wieder auf ihren Text. Zenz rührte gerade in der Milchsuppe, die auf dem Herd vor sich hin kochte und säuerlich duftete, während Ignaz sich das von der Arbeit schmutzige Gesicht mit Wasser abwusch und die Buben mit zwei Ästen als Degen kämpften. „Darf ich mit zur Schule?“, bohrte Toni nach. „Viel zu klein“, murmelte Ignaz, nicht gefasst auf Tonis Widerrede mit trotzig verschränkten Armen: „Gar nicht bin ich zu klein!“ – „Du sollst nicht immer deinem Vater widersprechen“, ermahnte Zenz sie, nahm den Topf vom Herd und richtete das Abendessen an. Also widersprach Toni ihrem Vater fortan nicht mehr. Sie wandte sich mit traurigen Augen zum einzigen Fenster der Stube und versuchte draußen in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch alles, was sie sah, war ihr unglückliches Spiegelbild.

An jenem letzten Schultag war das Wetter milder geworden und der Schnee, der den Kindern bis zu den Knien reichte, wurde matschig. Franz, Ignaz und Else stapften im Gänsemarsch durch den Wald zur Schule, allen voran Franz mit einer Laterne. Else, ihren müden Blick auf Spuren geheftet, die Ignaz vor ihr im Schnee hinterließ, betete ihren Text als Maria herunter, nicht wissend, dass sie damit nicht nur die Waldbewohner weckte, sondern auch einem heimlichen Verfolger Orientierung in der Dunkelheit bot. Viele Schritte hinter den Dreien hüpfte Toni die Fußabdrücke ihrer Geschwister nach. Sie hielt den Abstand gerade so, dass der Lichtkegel der Laterne nicht mehr auf sie fiel und dennoch Elses Gemurmel zu hören war. Die nasse Kälte war längst in Tonis Knochen gefahren, doch die Aussicht auf die Schule trieb sie an. In ihrer Vorstellung sah sie ein großes Haus, viel größer als der Lemberger-Hof. Türme mit Zinndächern ragten an vier Ecken majestätisch empor und aus den großen Bogenfenstern flackerte helles Licht. Unbedingt wollte sie diese Schule sehen, also folgte sie ihren Geschwistern unbemerkt.

Nach dem ersten Hügel erkannte Toni aus dem Augenwinkel ein gelbes Augenpaar, das auf sie gerichtet war. Sie hielt inne. Nicht dass ein gelbes Augenpaar sie beunruhigte, im Gegenteil: Toni mochte Dinge, die sich im Dunkeln verbargen und das Funkeln zweier Augen nahm sie als Einladung wahr, zu ihnen zu kommen. Während sich Franz, Ignaz und Else samt Lichtschein, Schritte und Gemurmel langsam weiterbewegten, wandte sich Toni neugierig vom Weg ab. Sie wusste, sie würde mit den anderen schritthalten müssen, um zur Schule zu gelangen, doch die Augen winkten sie förmlich zu sich. „Nur ganz kurz“, nahm sie sich vor und kletterte einen nassen Schneeberg hoch, der sich am Rand des Weges aufgetürmt hatte. Ob sie nun einem Schratzel oder einem Bären gehören mochten, war Toni egal. Sie hatte keine Angst. Selbst die Sage vom Teufel mit den glühenden Augen jagte dem Mädchen keine Furcht ein. „Wir können doch Freunde sein“, murmelte sie freundschaftliche Worte in den dunklen Winterwald hinein.

Auf dem Lemberger-Hof fiel lange niemandem auf, dass die kleine Toni verschwunden war. Man hatte sich längst daran gewöhnt, dass sie sich stundenlang unter ihrem Bett versteckte und nicht gestört werden wollte. Doch als Else, die bereits von der Schule heimgekehrt war, nach ihrer Schwester sehen wollte, fand sie eine leere Schlafstube vor. „Unter‘m Bett ist sie nicht“, erwähnte sie eher beiläufig und reckte ihre von Kälte und Nässe geröteten nackten Füße Richtung Ofen. „Und in der anderen Schlafstube auch nicht.“ Zenz deckte seelenruhig den Tisch. „Sie hat wohl ein neues Versteck“, murmelte sie vor sich hin. Ignaz und die Buben suchten dennoch Hof und Scheune nach Toni ab, doch vergebens. „Wenn die sich wieder in einen Fuchsbau verkrochen hat, ich schwöre dir -“ – „Ach Schmarrn, Ignaz, als würde die Toni sich bei dem Wetter im Wald herumtreiben“, versuchte Zenz ihren Mann zu beruhigen. Bald war jedoch klar: Sie musste sich im Wald herumtreiben, denn selbst im Wohnhaus der Lembergers war keine Toni zu finden. Man rief die Knechte und Mägde zusammen und durchstreifte die Gegend. „Vielleicht ist sie uns nachgelaufen, als wir heute Morgen zur Schule sind“, kam es Else in den Sinn. Sie hatte sich an die Versen ihrer Brüder geheftet, die mit ihrem Vater jene Stelle absuchten, an der Tonis verschütteter Fuchsbau war. „Nachgelaufen?“ Ignaz hatte Elses Worte aufgeschnappt. „Wehe!“ Doch die Suche endete ergebnislos und langsam beschlich ihn das Gefühl, seine Tochter konnte recht haben mit ihrer Vermutung. Als schließlich die Dämmerung hereinbrach, schlug der Suchtrupp den Waldweg in Richtung Schule ein und tatsächlich stach ihm ein Schneehaufen ins Auge, über den sich die Abdrücke kleiner Stiefel zogen.

Wenige Meter dahinter kletterte Toni über einen entwurzelten Baum und lief direkt in die Arme ihres Vaters. „Was fällt dir ein!?“, brüllte er sie an, die Finger tief in die Arme des Mädchens gegraben. „Strolchst hier draußen herum wie ein wildes Tier, vollkommen durchnässt und halb erfroren!“ Der Suchtrupp sah wortlos zu, wie er seiner Tochter Vorhaltungen machte, bis Herr Lemberger ihn unterbrach: „Komm, lasst uns zurückgehen, schimpfen kannst du die Kleine auch daheim.“ Unsanft am Arm gepackt zog Ignaz Toni nach sich, gefolgt von Franz, Ignaz und Else. „Was hast du dir dabei gedacht?“, flüsterte Else ihrer kleinen Schwester zu. „Da war ein Runkel“, kam eine leise Antwort zurück. „Ein was?“ – „Ein Runkel.“ Else und ihre Brüder warfen sich verständnislose Blicke zu. „Toni, was ist ein Runkel?“, harkte sie nach. „Das darf ich dir nicht sagen“, behauptete Toni. „Wieso nicht?“ – „Hat das Runkel gesagt.“ Jetzt drängelte sich Ignaz junior vor. „Toni, es gibt kein Runkel und jetzt erklär uns, was du im Wald gemacht hast?“ Er klang sehr ungeduldig, fast schon wie sein Vater. „Für jemanden, der noch nie ein Runkel gesehen hat, bist du dir aber ganz schön sicher, dass es kein Runkel gibt“, entgegnete ihm Toni trotzig. „Weil es ja auch kein Runkel gibt.“ Tonis Augen verengten sich. „Oder kannst du es mir beweisen?“, stocherte Ignaz junior nach. „Ein andermal.“ – „Ha, sag ich‘s doch. Es gibt kein Runkel.“

Die Stimmung auf dem Hof hellte sich nur kurz auf, als der Suchtrupp mit Ignaz und Toni an der Spitze eintraf. Zenz entriss ihrem Mann die jüngste Tochter und drückte sie fest an sich. „Kind, du holst dir ja den Tod“, stöhnte sie auf, als sie Tonis kalten Gliedmaßen spürte. Ignaz schickte seine Familie in die Stube und ließ den ratlosen Suchtrupp auf dem Hof zurück. „Eine Tracht Prügel gehört dir“, donnerten seine Worte auf Toni herab, die mit Hilfe ihrer Mutter aus den nassen Klamotten schlüpfte und sich, in eine Wolldecke eingewickelt, vor dem Ofen niederließ. Als Ignaz merkte, dass seine Standpauke an Toni abprallte, wandte er sich seiner Frau zu und ließ seinen Frust über das ungezogene Mädchen an ihr aus. Während sich die Eltern einen Schlagabtausch lieferten, hielt Toni ihren Bruder Ignaz im Vorbeigehen an, einen ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt: „Beweise mir doch, dass es KEIN Runkel gibt.“ Sie wartete, die kleinen Fäuste geballt, auf die Antwort ihres Bruders, doch sie bekam sie nie zu hören.

Das Internet vollschreiben

Irgendjemand meinte letztens, wir würden das Internet vollschreiben. Vielleicht war es eine Bloggerin mit dem wundervollen Namen Groschenphilosophin. Ich bin mir nicht sicher. Aber der Satz blieb hängen und seitdem piepst ein unsichtbarer Wortzähler mit jedem Tweet und jedem Blogeintrag mehrfach in meinem Kopf auf.

Das Internet vollschreiben. Ich weiß, man kann das Internet nicht wirklich vollschreiben. Es ist unendlich, was aber auch heißt, dass unsere Worte verloren gehen, sobald sie in die Weiten des Internets geschrieben werden. Sicher sind sie noch irgendwo, aber wen interessiert’s? Wir sollten uns das öfter fragen.

Weniger ist mehr und ich möchte das Internet künftig weniger vollschreiben. Ideen hätte ich genug. Aber viele Gedanken sind unausgereift, flüchtig und dynamisch und entwickeln sich so schnell weiter, dass die Worte, sobald sie niedergeschrieben sind, vielleicht nicht mehr meinen Gedanken entsprechen .Ich fühle mich nicht dazu befähigt, meinen Lesern zu erklären, warum Harry Potter auch etwas für 25-Jährige ist.

Das Internet vollschreiben – mit diesem Text habe ich es wieder getan. So ganz werde ich es auch nicht lassen können, aber ich nehme mir vor, in Zukunft mit Worten und Texten zu sparen.

Eure frauktose

Warum wir mehr Fanfiction lesen sollten

Als er seinen Blick zu den beiden auf der Couch wandern ließ, waren sie gerade dabei, sich zu küssen. Remus hatte sich über Sirius gebeugt, seine Hand noch immer in dessen Locken. Ihre Lippen…

Was. Ähem. Was?

Lupin und Sirius küssen sich, ich äh – war erst einmal ziemlich überrascht. Und dann fing ich an, mehr Fanfiction zu lesen. Der Zufall (besser gesagt: meine Twitter-Timeline) wollte es, dass ich mit Harry-Potter-Fanfiction beginne. Gelandet bin ich bei einer Remus/Sirius-Lovestory, geschrieben von einem Pseudonym namens Dwight4Studly. Slash Fiction (ein Genre der Fanfiction, bei dem überwiegend männliche Figuren was miteinander anfangen)  war mir kein Begriff und so fand ich mich plötzlich in einer Geschichte mit sexuell erregten Harry Potter-Charakteren wieder. Andererseits – mal abgesehen von der nicht so tollen Schreibfertigkeit des Autoren – hat das aber was. Lupin und Sirius, warum nicht? Zwei meiner Lieblingscharaktere (neben Snape und ja, Snape und Slash fiction scheint ein eigenes Kapitel zu sein), denen in Rowlings Büchern für meinen Geschmack viel zu wenig Platz eingeräumt wurde.

Bei Fanfiction (oder Fanfic, FF) handelt es sich um Geschichten, die Fans über Realpersonen schreiben oder aus Buch-, Film-, Game- oder Comicplots weiterspinnen. Ihren Anfang nahm FF mit Star Trek fanzines in den 1960ern, quasi Fan-Magazinen zur Star Trek-Serie, in denen auch FF abgedruckt wurde. Mit dem Internet und der Möglichkeit, eigene Fanfiction online zu stellen, wuchs die Popularität. 1998 kam das Fanfiction-Archiv FanFiction.net dazu, das heute rund zwei Millionen User verzeichnet. Im aktuellsten Ranking steht Fanfiction über Twilight, Pokémon und Lord of the Rings ganz oben – hinter Harry Potter mit 746000 Stories auf Platz 1.

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Bothering Snape: Wie ich mein Bedürfnis nach Snape-Fanfiction mit Youtube-Videos stillte. (Foto/Illustration: frauktose)

Für mich war Fanfiction bisher ein eigener Kosmos mit bestimmten Regeln und ganz viel Insiderwissen. Vor zehn Jahren kam ich erstmals in Kontakt damit, als ich das Bedürfnis verspürte mehr über Snape zu erfahren. Ich zog mir diverse Snape-Fanart-Videos wie Bothering Snape rein. Heute weiß ich: Mein 15-jähriges Ich hätte Snape-Fanfiction in Textform viel besser gebrauchen können. Aber scheinbar mangelte es mir an der notwendigen Medienkompetenz im Internet des Jahres 2006 meine Sehnsucht zu stillen.

Warum sollten wir alle mehr Fanfiction lesen?

Fanfiction stillt nicht nur das Bedürfnis nach mehr (Lupin, Hogwarts, Zauberwelt). Sie eröffnet uns auch eine andere Sicht auf Bücher, Filme und Co. Standard-Liebesbeziehungen werden ersetzt durch homo-, bi-, trans-, intersexuelle (und mehr) Varianten, insbesondere im Slash-Genre, das übrigens mit Star Trek-Fanfiction (genauer: Kirk/Spok-Stories Anfang der 70er) entstanden ist. Fanfiction bietet in ihrer Vielzahl auch eine Vielfalt und Andersartigkeit abseits der am Mainstream oder Hollywood-Kino orientierten Erzählung. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Vorbehalte gegenüber Slash Fiction. Dwight4Studlys Remus/Sirius-Kapitel wurde mit „Disgusting“ kommentiert (da ist das Wort Vorbehalt wahrlich eine Untertreibung). Außerdem auffällig ist, dass viele FF-Hauptfiguren trotz (oder vielleicht aufgrund) überwiegend weiblicher FF-Produzenten und -Konsumenten männlich sind. Das mag vielleicht daher kommen, dass eben auch Filmfiguren in der Mehrzahl männlich sind. Eine Nische in der Slash Fiction-Schublade ist das Subgenre Femslash, das eine romantische und/oder sexuelle Beziehung zwischen zwei weiblichen, in Filmen, Büchern etc. eigentlich heterosexuellen Figuren thematisiert. Beispielhaft dafür ist Arwen/Eowyn-Fanfiction (Herr der Ringe).

Dennoch: Anders als die medialen Produkte selbst, auf die sich FF bezieht, untergräbt sie gängige Gesellschafts- und Geschlechterkonzepte. Gleichzeitig hat FF einen nicht-kommerziellen Charakter und ist dank Internet für jeden zugänglich. Diverse NPOs wie die Organization for Transformative Works archivieren die Texte und stellen sie zur Verfügung. Besonders erfolgreiche Fanfiction wird allerdings auch vermarktet, siehe 50 Shades of Grey, urspünglich Twilight-Fanfic.

Da Fanfiction ein Jedermann-Onlinecontent ist, lässt die Qualität hin und wieder zu wünschen übrig. Was ich bisher gelesen habe, war manchmal richtig mies. Viele Texte wirken, als hätten die jeweiligen Autoren sie für sich selbst geschrieben (wobei das ja nicht verwerflich ist). Schreibtechnik, Wortwahl, Grammatik, eine ansprechende Atmosphäre sucht man da oft vergebens. So passiert es, dass man sich durch schlechte und geschmacklose Texte wühlt, bis man irgendwann ein liebevoll ausgearbeitetes Stück Fanfiction findet. In meinem Fall war es Prisoner of the Moon von Linda Lupos, Band 3 der Harry Potter Reihe aus der Sicht von Remus Lupin. Sie schrieb in ihrer AN (Author’s Note), dass sie Slash-Elemente vermeiden wollte. Das ist ihr in ihren 16 Kapiteln (ungefähr 83 Seiten) größtenteils gelungen, abgesehen von ein paar zweideutigen Stellen, die sie der Phantasie der Leser überlässt. Lupos hat sich sehr an Schreibstil und Wortwahl von Rowling sowie dem Inhalt von Band 3 orientiert und ihre Fanfiction mit einem selbstironischen Lupin-Interview abgeschlossen.

Wer selbst Fanfiction schreibt, muss sich auf urheberrechtliche Einschränkungen gefasst machen. Dabei unterstützen manche Autoren (Rowling bis zu einem gewissen Grad) FF, während andere überhaupt nichts davon halten (Anne McCaffrey oder Anne Rice). An Tipps und Plattformen (z.B. Wattpad) dürfte es (angehenden) FF-Autoren nicht fehlen. Als jemand, der selbst gerne schreibt, bin ich noch unentschlossen, ob ich mein Wattpad-Profil wiederbeleben und mich an FF versuchen sollte. Vor kurzem fielen mir zwei analoge FF-Versuche in die Hände, die ich mit elf notiert hatte: Eine Silvester-Fortsetzung von Die Wilden Hühner und eine neue Story für die Fünf Freunde-Reihe. Vielleicht führe ich sie eines Tages fort 🙂

 

Und ihr so? Seid ihr Fanfiction-Leser und wenn ja, was könnt ihr empfehlen? Schreibt ihr vielleicht sogar selbst?

Remus watched the night fall through the windows of his office. He was wearing barely more than a T-Shirt and loose-fitting robes. He was ready for the transformation, and at the same time dreading it. (Prisoner of the Moon/Cpt. 3 by Linda Lupos)

 

 

I always wanted to be a Tenenbaum

Vor kurzem habe ich „Die Royal Tenenbaums“ (2001) gesehen. Fünfmal, um genau zu sein. Ich hätte sie gerne noch fünfmal angesehen. Das Dumme war nur, dass ich mich gerade mitten in der Klausurenphase befand. Weil mich Wes Andersons skurriler Film nicht in Ruhe ließ, verbrachte ich die Lernpausen mit den Tenenbaums. Das hieß: Alles lesen und ansehen, was das Netz darüber hergibt. Und das war ganz schön viel. Nach drei Wochen Sammeln, Filtern und Reflektieren hier meine Erkenntnisse zu „Die Royal Tenenbaums“, mit Schwerpunkt auf meine Lieblingsfiguren Richie und Margot Tenenbaum.

Der Plot:

Papa Royal Tenenbaum wohnt getrennt von seiner Familie in einem Hotel, ist pleite und eifersüchtig auf den Neuen der Exfrau Etheline. Also inszeniert er eine Krebserkrankung, um seine Liebsten zurückzugewinnen. Die Kinder Richie, Chas und Margot sind gescheiterte Genies in ihren Dreißigern und verstecken sich gerade bei Mama vor der Welt. Eine typische „group of people getting together“-Geschichte, wie es der Criterioncast treffend zusammenfasst. Besonders tragisch: Richie hat sich in seine Adoptivschwester Margot verliebt.

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=K4QHTdj7SKc&index=61&list=PLj2KTNlHQwdvXxq34D2iuX–SXKl2HCnX)

Die Charaktere…

… sind gebrochen, skurril und voller Sehnsucht.

  • Richie (Luke Wilson), ehemals Tennis-Pro („The Baumer“), eng befreundet mit Margot und Eli Cash, süchtig nach Bloody Mary, Besitzer eines Greifvogels namens Mordecai.
  • Margot (Gwyneth Paltrow), trägt Racoon-Eyes und spießige Tenniskleider, ist verheiratet mit dem Anthropologen Raleigh St. Clair (Bill Murray), Schreibblockade, ihr Charakter basiert auf einer Freundin von Anderson (siehe Spiegel-Interview).
  • Chas (Ben Stiller), einst erfolgreicher Geschäftsmann und Züchter von Dalmatinermäusen, Witwer, Sicherheitsfanatiker, Vater von Asi und Uri.
  • Ethel (Anjelica Huston), Archäologin (wie Andersons Mutter), verlobt mit Steuerberater Henry (Danny Glover, basierend auf Kofi Annan und einem ehemaligen Vermieter von Anderson).
  • Royal (Gene Hackman), pleite, versucht die bevorstehende Hochzeit mit seinem Handlanger Pagoda (Kumar Pallana) zu verhindern.
  • Außerdem: Nachbar und Möchtegern-Tenenbaum Eli Cash (Owen Wilson) und Raleighs Studienobjekt Dudley Heinsbergen (Stephen Lea Sheppard)

Ort und Zeit:

Die Tenenbaums leben in der Archer Avenue in einem New York, das so nie existiert hat. Zwar wurde in einem realen Gebäude gedreht, das reale (und moderne) New York mit Skyline, Lärm und Verkehrschaos sparte Anderson jedoch aus. In einem Interview erklärt der Filmemacher, wie dieses New York entstanden ist. „Ich bin in Texas aufgewachsen, habe Magazine wie den „New Yorker“ und Geschichten von J. D. Salinger und F. Scott Fitzgerald gelesen und Woody-Allen-Filme geguckt. So habe ich New York aus der Ferne wahrgenommen. Als ich schließlich dort hinzog, versuchte ich mir New York so zu machen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Eine weitere Besonderheit der „Royal Tenenbaums“ ist das Spiel mit der Zeit. Telefonzellen, Röhrenfernseher und Telefone mit Wählscheiben lassen den Film verstaubt und antiquiert wirken. Hinzu kommt der Soundtrack, der mit Songs von den Rolling Stones, Ramones oder Nick Drake in den 60ern und 70ern zu verankern ist. Auch Margot, Richie und Chas tragen Klamotten, die vor Jahrzehnten in Mode waren. Dabei unterscheiden sich ihre Outfits aus der Kindheit kaum von dem, was sie als Erwachsene anziehen. Ihre Kleidung fügt sich in das Bild der immergleichen technischen Geräte, die auch nach 20 Jahren noch im Hause Tenenbaum verwendet werden. Es wirkt, als wären die Familie und ihr New York in den 60ern stecken geblieben, und gleichzeitig auch in ihrer Kindheit (mehr zur Kindheit weiter unten). Die Bezeichnung „instant nostalgia“ (48:00), die im Criterioncast fällt, trifft es eigentlich ganz gut.

Der Faktor Zeit ist während des ganzen Filmes ziemlich obsolet. Achtet man auf Natur und Wetterphänomene, so wechseln die Jahreszeiten ständig von winterlichen Schneeflocken zu frisch ausgetriebenen Blättern. Songs wie „Christmas Time Is Here“ tragen noch mehr zur zeitlichen Verwirrung bei. Außerdem gibt der Film nur selten Aufschluss über Tageszeiten. Die Tenenbaums tragen so gut wie immer das Gleiche, alltägliche Handlungen wie Zähneputzen oder Schlafen kommen nicht vor. Die unklare Zeitstruktur gipfelt in der Szene mit dem Selbstmordversuch. Darin sagt Richie, er werde sich am folgenden Tag umbringen. Tatsächlich versucht er es aber schon im nächsten Augenblick. Nach mehrmaligem Ansehen frage ich mich, ob nicht Raleighs Patient Dudley Heinsbergen die Geschichte erzählt. Schließlich wird am Ende des Films noch erwähnt, dass Dudley definitiv kein Zeitgefühl hat („Can the boy tell time?“ – „Oh, my Lord, no.“).

Die wenigen Anhaltspunkte über Zeit und Zeitverlauf in „Die Royal Tenenbaums“ sind eng mit dem Tod verknüpft. Royal Tenenbaum gibt mit seiner Krebslüge einen Zeitrahmen von sechs Wochen Lebenszeit vor, in dem sich die Geschichte möglicherweise abspielt. Royals Grabsteininschrift (1932-2001) weist wiederum auf das Jahr 2001 hin.

Dieser wirre Zeitbegriff macht den Film meiner Meinung nach charmant, weil es an viel zu lange Ferien erinnert, in denen man jegliches Gefühl für die Zeit verliert. Ich habe meine oft mit der Familie bei Oma verbracht, jeder war ein wenig zurückgezogen in seine eigene kleine Welt mit eigenen kleinen Problemen, die man dort zusammen mit der Zeit vergessen konnte.

Die Motive:

  • Genies: In Wes Andersons Filmen sind es meist verkannte oder gescheiterte Genies, die sich zu unerwarteten Helden mausern (siehe Max Fischer aus „Rushmore“)
  • Scheitern, vergangener Ruhm: Immer wieder Thema bei Wes Anderson, auch später in „The Grand Budapest Hotel“, wo Concierge (Ralph Fiennes) Verlust erfährt. Die gescheiterten Figuren funktionieren wie die Tenenbaum-Kinder nicht mehr in der Gesellschaft, diese Dysfunktionalität hat aber oft etwas Warmes an sich („There’s a warmth to their dysfunction“ – Criterioncast). Im Film ist Scheitern eine Option, das Haus dient als Rückzugsort, an dem man das Scheitern ausleben kann. Dabei stellt sich auch die berechtigte Frage, warum wir Scheitern als etwas Negatives empfinden.
  • Kindheit und Zuhause: Das Tenenbaum-Haus spiegelt in gewisser Weise deren Kindheit wider: Richies Spielzeugautos, Margots Plattenspieler, Chas‘ Dalmatinermäuse – alles ist noch da. Mit den Spielsachen und den warmen Farben dient es als Schutzraum (sogar für Chas, trotz fehlender Sprinkleranlage) vor der gefährlichen Welt da draußen. Gleichzeitig kann das Haus metaphorisch für die Psyche von Richie, Chas und Margot stehen: Sie sind alle noch nicht erwachsen geworden.
  • Liebe als Tabuthema: Wenn in Geschichten Liebesverhältnisse vorkommen, die mit einem Tabu behaftet sind (z.B. gleichgeschlechtliche Liebe, leider immer noch nicht ganz akzeptiert), ist es interessant, darauf zu achten, was darin mit dieser Liebe passiert. In vielen Filmen siegen meist Beziehungen, die der Norm entsprechen, während gleichgeschlechtliche (siehe „Blau ist eine warme Farbe“) oder Beziehungen mit Altersunterschied („Arizona Dream“, „Die Reifeprüfung“) scheitern. Auch das Verhältnis Richie-Margot entspricht nicht ganz der Norm: Die beiden sind zwar nicht blutsverwandt, dennoch als Geschwister aufgewachsen. Margots Aussage „I think we just gonna have to be secretly in love with each other and leave it at that“ verspricht zwar nur wenig Hoffnung, dennoch stehen sich die beiden am Ende näher.
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Secretly in love: Richie und Margot Tenenbaum (Illustration: frauktose)

Margot und Richie Tenenbaum…

… sind neben Herman Blume (Rushmore) und Suzy Bishop (Moonrise Kingdom) vielleicht die besten Charaktere in Andersons Filmen. Sie teilen Sehnsucht und Melancholie und sind verletzlich. Auch räumlich sind sich beide vor allem gegen Ende des Filmes sehr nahe: Bei Royals Beerdigung stehen sie eng beieinander und nach der Hochzeit rauchen sie gemeinsam eine von Margots Zigaretten auf dem Dach. Weitere Parallelen: Richie und Margot werden auffällig oft verletzt, ob psychisch (Liebeskummer, Scheitern) oder physisch (Margots abgetrennter Finger, Richies verletzte Faust, die Schnittwunden an den Armen, später die Verletzung am Auge). Mit ihrem Wunsch, der realen Welt zu entfliehen, indem sie sich wie Margot im Badezimmer einsperren oder wie Richie auf dem Dach abhängen oder Ozeane bereisen, erinnern sie an Helden aus der Romantik. Vor allem Richie mit seinem langen Haar und dem dichten Bart, seinem Greifvogel und dem Zelt als Schlafplatz weist eine gewisse Nähe zur Natur auf, wenn auch nur sinnbildlich. Von seiner Haarpracht wird Richie sich kurz vor seinem Selbstmordversuch verabschieden – meiner Meinung nach die stärkste Szene in „Die Royal Tenenbaums“.

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=9pyBB7y8fDU)

Die Szene im blauen Dämmerlicht hebt sich visuell von den überwiegend warmen Farbtönen des Filmes ab (siehe Cinematicgestures). Richie stutzt Haare und Bart, nimmt Schweißbänder und Sonnenbrille ab und trennt sich endgültig von seinem Dasein als Tennis-Pro. Durch Tempo und Aneinanderreihung der Schnitte wirkt diese Handlung wie ein Ritual. Der Selbstmordversuch ist sehr dynamisch: In sechs Sekunden ziehen 18 Bilder vorbei, darunter Rückblenden zu Mordecai, Kindheitserinnerungen, Royal, Ethel und Margot. Bilder, die scheinbar mit je einem Schnitt mit der Rasierklinge aufblitzen. Die Einstellung, in der Margot aus dem Bus steigt, ist dabei dominant. Eric Can Uffelen bezeichnet im Cinematicgestures-Blog Margot als Paradoxon für Richie: Sie ist einerseits die Möglichkeit der wahren Liebe, andererseits der Fluch des verbotenen Verlangens.

Als Richie von Dudley entdeckt wird, ist die Kamera außerdem nicht „on a stable apparatus“, weswegen alles „smooth and carefully controlled“ wirkt (siehe Cinematicgestures). Die Selbstmordszene unterscheidet sich in der Machart sehr vom Rest des Filmes, weil sie quasi eine Art Schüssel ist. Erst Richies Selbstmordversuch führt die Familie zusammen.

Eine starke Wirkung und Emotionalität haben diese Einstellungen aber auch dank Richie-Darsteller Luke Wilson. Der Dreh dieser Szene soll nicht leicht gewesen sein. Wie Mutter Laura Wilson, die den Dreh als Fotografin begleitet hat, berichtet, war es nach Mitternacht, die Crew total übermüdet und Wes Anderson perfektionierte die Verteilung der Haarbüschel auf dem Waschbecken. Trotzdem schaffte es Wilson, einen Richie Tenenbaum zu spielen, dem man die innere Zerbrochenheit in jeder Sekunde abkauft. Viele feiern den Part als Richie Tenenbaum, der Criterioncast bezeichnet ihn als „glistening juwel“ in Luke Wilsons sonst eher trashigeren Filmografie („Natürlich Blond“, „Drei Engel für Charlie“). Luke Wilson, der kleine Bruder von Owen Wilson (hier auch Co-Drehbuchautor), Markenzeichen „drawling voice“, zeigt leider nur in wenigen Rollen (z.B. als Anthony in Andersons Erstling „Bottle Rocket“) seine bessere, melancholische Seite.

Dem Filmkritiker Matt Zoller Seitz, der auch das Buch „The Wes Anderson Collection“  heraus gebracht hat, sagte Anderson später, dass der Part Richie Tenenbaum für Luke Wilson geschrieben worden sei. Seitz beschrieb Richie als „ghost in his own life“ und weiter: „(…) I know it’s an ensemble movie, but if I had to say who the movie is about, I think I would say it’s about him.“ Dem stimmte auch Anderson zu. Richie ist der Filmheld. „Here is the ensemble around him, his family. But he is the center.“ Ähnlich wie Max Fischer in Rushmore ist es Richie Tenenbaum (und seine Verzweiflungstat), der die Familie zusammenbringt. Dem Buch „Filmsemiotik – Eine Einführung in die Analyse audiovisueller Formate“ zufolge gibt es in Filmen den Archetypen des Helden (S. 383), dem ich Richie zuordnen würde. Jener Held ist auf der Suche nach Identität und Ganzheit und stellt aufgrund seiner Fehler und Schwächen (das Scheitern als Tennis-Pro und am Leben generell) eine Identifikationsfigur dar. Im Kern der Erzählung begegnet er für gewöhnlich dem Tod.

Meine filmanalytischen Ansätze:

In der Filmanalyse ist immer die Rede von semantischen Räumen und Grenzüberschreitung. Demnach befindet sich eine Figur in einem bestimmten Ausgangsraum, der in Richies Fall abstrakt ist und als Raum „Genie/Tennisprofi“ bezeichnet werden könnte. Der entsprechende Gegenraum wäre „gescheitertes Genie“. Betrachtet man nur Richies Geschichte, könnte die Tennisniederlage eine Grenzüberschreitung sein. Dabei wird ihm seine Liebe zu Margot erst bewusst und er tritt über die Grenze in den Gegenraum. Dort existiert ein Extrempunkt (Selbstmordversuch), in dem die Merkmale des Gegenraums (Liebeskummer, Scheitern, Depression) kondensiert auftreten. Laut „Filmsemiotik“ ist der Extrempunkt zentral inszeniert, was sich durch den blauen Farbton, der technischen Umsetzung und musikalischen Untermalung (siehe Rolle der Musik) zeigt.

„Die Royal Tenenbaums“ lässt sich – wenn auch kein typischer Hollywoodspielfilm – nach Syd Fields Strukturmodell in drei Akte aufteilen: Exposition (Vorstellen von Figuren und Story), Konflikt/Konfrontation (Haupthandlung) und Auflösung (Ende). Dazwischen befinden sich zwei Plotpoints/Wendepunkte, die Grenzüberschreitungen entsprechen. Die Plotpoints bezogen auf Richies Geschichte: Die Tennisniederlage und der Selbstmordversuch.

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Der Film „Die Royal Tenenbaums“ – hier im Speziellen Richies Geschichte – lässt sich nach Syd Fields Strukturmodell wie die meisten Hollywoodfilme in drei Akte einteilen. (Illustration: frauktose)

Die besondere Rolle von Musik:

In „Die Royal Tenenbaums“ kommt der Musik eine besondere Rolle zu. Das Repertoire aus Beatles, Rolling Stones, Nick Drake, Nico, Bob Dylan, The Clash, The Ramones und The Velvet Underground katapultiert den Zuschauer in die 60er und 70er zurück. Aus der Rolle tanzt dabei „Needle in the Hay“ von Elliott Smith aus dem Jahr 1995. Er taucht in der Selbstmordszene auf. Die Gitarre ist bereits am Ende der Szene zu hören, in der Richie und Raleigh von Margots Vergangenheit erfahren. Die Intensität des Songs steigt in den kritischen Momenten des Selbstmordversuches an. Irrtümlich ausgelassene Noten sollen einem Blogpost von Sensesofcinema zufolge die Spontanität in Richies Handlung widerspiegeln. Die Lyrics thematisieren Heroinabhängigkeit und seien weniger wortwörtlich zu verstehen, dennoch gebe es Parallelen zum Plot. So vergleicht der Blog Richies Liebe zu Margot mit einer Drogensucht. „It is Richie’s attempted suicide that offers the most profound evidence of his willingness to let go of his former self, and his need for absolution“, heißt es im Sensesofcinema-Blog. Demzufolge sei Musik eine Art der Freisprechung („music as absolution“). Gleichzeitig arbeite die Musik als Katalysator und Übersetzer der Gefühle Richie und Margot zeigen ihre Gefühle vor allem in Momenten, die mit „evocative pop songs“ unterlegt sind. Musik kann aber auch besänftigen. Ein Beispiel dafür wäre der Song „Fly“ von Nick Drake. Dieser setzt ein, als Richie aus dem Krankenhaus abhaut und mit dem Green Line Bus nach Hause fährt. Dort wird er dann von Margots Plattenspieler abgespielt (und wird somit zum Teil der Filmwelt, also Teil der Diegese/intradiegetisch). Das Lied verleiht den beiden Charakteren eine Stimme und die Lyrics vermitteln, dass alles irgendwie in Ordnung kommt.

So come, come ride in my street-car by the bay

for now I must know how fine you are in your way

And the sea sure as I

But she won’t need to cry

For it’s really too hard for to fly.

(Nick Drake – Fly)

Stil, Inspiration, Einflüsse und Referenzen:

Wiederkehrende Symmetrien, spezielle Farbpaletten, bizarres Setting und verschrobene Charaktere sind Wes Andersons Spezialität. Der Texaner mag keine digitalen Filmlandschaften, wie er in einem ZEIT-Interview erklärt und greift lieber auf Miniaturen zurück. Er ist Fan von Fellinis Filmen, Polanski („Rosemarys Baby“), Mike Nichols („Die Reifeprüfung“). Anderson, der als Teenie von einem Wimbledon-Sieg geträumt hat, obwohl er kein sonderlich guter Tennisspieler war, kreeirt überwiegend Geschichten über Männer, die vor haben, Großes zu erreichen. Leider sind auch seine Hauptdarsteller meistens männlich (insbesondere in „Die Tiefseetaucher“). Anjelica Huston soll einmal zu ihm gesagt haben, er drehe Jungsfilme.

(Quelle: https://vimeo.com/89302848)

Literatur- und Filmklassiker haben einen nennenswerten Einfluss auf „Die Royal Tenenbaums“. In einem Interview nannte Anderson „The Magnificent Ambersons“, die Glass-Geschichten von J.D. Salinger, „You Can’t Talk It with You“, „The Royal Family“ (Kaufman und Ferber) und „Two English Girls“ von Francois Truffaut (Idee mit den Mosaiken aus Büchern) als Inspirationsquellen.

Was Die Royal Tenenbaums“ zu einem der besten Wes-Anderson-Filmen macht:

Auffällig ist, dass „Die Royal Tenenbaums“ eine Art Wendepunkt in der Filmografie des Regisseurs und Drehbuchautoren darstellt. Während seine ersten beiden Filme „Bottle Rocket“ und „Rushmore“ noch weniger akribisch durchstrukturiert wirken, sind aktuellere Filme stärker von seinem Perfektionismus bestimmt. Im Netz ist man sich einig: Anderson wird immer detailbesessener, seine Werke immer skuriller. Seit den Tenenbaums schafft der Regisseur eine immer seltsamere Welt, „that isn’t really recognisable as our own.“ (The Guardian). Der Criterioncast bezeichnet „Die Royal Tenenbaums“ als „peak of Anderson’s career“: Die Details sind in perfekter Balance, anders als in „Die Tiefseetaucher“. Kyle Buchanan von vulture.com findet, dass die Figuren hier weniger stark choreografiert seien. Er hebt die Szene im Zelt hervor, in der Richie und Margot sich gegenseitig ihre Liebe gestehen. „The scene is magical, with Paltrow moved to real tears in a setting that’s resolutely unreal in all of its candy-colored, immaculate fastidiousness“, so Buchanan. In späteren Anderson-Filmen vermisst er dieses ungezwungene Spiel. Generell tragen die Tenenbaums ihre Persönlichkeiten noch mehr nach draußen.

Fazit:

Mein Lieblings-Wes-Anderson-Film

 

Die Royal Tenenbaums (The Royal Tenenbaums, USA 2001). Ab 12 Jahre. Regie: Wes Anderson. Drehbuch: Wes Anderson und Owen Wilson. Mit Gene Hackman, Anjelica Huston, Gwyneth Paltrow, Ben Stiller, Luke Wilson, Owen Wilson, Danny Glover, Bill Murray, Seymour Cassel

Weitere Links:

Filmkritik Criterion, Hintergründe, Screenwriting Analysis, Welcher Tenenbaum bist du?

 

 

Badewasser

Pa

Tipp…Tipp…Tipp – der Wasserhahn tropft. Schon wieder. Ich habe es ihr schon tausendmal gesagt. Entweder macht sie es mit Absicht, oder… Wahrscheinlich eher zweiteres. Das ist doch immer so. Sie vergisst eine Menge, dabei ist sie noch so jung. Viel zu oft hängt sie ihren Tagträumen nach und da kann es dann schon mal passieren, dass sie den Wasserhahn nicht ganz zudreht. Oder die Tür zu ihrem Schlafzimmer nicht schließt (obwohl die Katze jede Gelegenheit ergreift, um hineinzuhuschen). Die nasse Wäsche in der Maschine vergisst. Ich sollte darüber lachen, sage ich mir, drücke auf die Klospülung, ziehe mir die Hose hoch, knöpfe sie zu, wasche mir die Hände und versuche vor dem Spiegel zu lächeln. Nur mir ist nicht danach. Meine Mundwinkel rutschen nach unten. Tipp…Tipp…Tipp – wenn es nur der Wasserhahn wäre. Es passiert ihr auch mit der Herdplatte: Sie lässt sie an. Glühend heiß, den ganzen Tag. Und erst das Autofahren. Am liebsten würde ich ihr die Schlüssel verstecken. Sie vergisst es, in den Spiegel zu sehen, vergisst zu blinken. Tipp…Tipp.. es quietscht ein wenig, als ich den Wasserhahn abstelle. „Pa, bist du im Bad?“, ruft sie mir. Sie klopft leise. „Kann ich mir schnell deine Schlüssel borgen? Ich würde gerne noch Natascha besuchen.“

Lola

Nataschas Fenster leuchten hellgrün, als ich mit Pas Corsa in die Einfahrt biege. Fast alle Fenster der Grüns leuchten hellgrün, außer vielleicht das Schlafzimmerfenster von Nataschas Eltern. Ich trete schlagartig auf die Bremse. Vor der Doppelgarage steht ein tiefergelegter dunkelblauer Golf. Die grünen Fenster spiegeln sich in seinen verdunkelten Scheiben. Was zur Hölle… Wessen Auto das ist? Keine Ahnung, ich kenne niemanden persönlich, der tiefergelegte Autos fährt. Wahrscheinlich ein Kerl mit kurz rasierten, braunen Haarstoppeln und blasser Haut, zwei oder drei Jahre älter als wir. Als ich den Motor ausmache, sehe ich Nataschas Silhouette in einem der Fenster. Ich weiß sofort, dass es Natascha ist, weil sie den schönsten Afro der Welt trägt. Ihre braunen Locken stehen wie Sprungfedern wild von ihrem Kopf ab. Von weitem sieht er fast aus wie ein Heiligenschein, der grün leuchtet. Sie klopft gegen die Fensterscheibe, als ich gerade aus dem Corsa steige, mein hochgerutschtes Kleid zurecht rücke und mir meine Handtasche vom Beifahrersitz angle.

„Hey Loooolaaaa!“ Natascha schlingt ihre Arme um mich. In der Linken ein weißer Plastikbecher mit einem honigfarbenen Getränk. Red-Bull-Geruch weht herüber. „Gut, dass du noch gekommen bist. Dachte schon das klappt nicht mehr.“ – „Hab verschlafen, sorry.“ Dass die Grüns viel Geld haben, sieht man vor allem an ihrem großen Wohnzimmer mit der dreiteiligen Ledercouch, einem Beamer mit Leinwand und irgendwelchem Technikkram, mit dem ich mich nicht auskenne. Und man sieht es an Natascha. Genau genommen sind die Grüns nämlich ihre Adoptiveltern. Genau genommen kommt Natascha aus Freetown in Sierra Leone.

Natascha drückt mir einen leeren Pappbecher in die Hand. „Oder willst du heute noch nach Hause fahren?“ – „Eigentlich schon…“ Sie schenkt mir Cola ein. Erst jetzt bemerke ich die beiden Typen, die es sich auf der Couch bequem gemacht haben. Im grünen Licht kann ich ihr Gesichter nur schlecht erkennen, dennoch glaube ich sie noch nie gesehen zu haben. Mit den beiden werde ich den ganzen Abend kein Wort mehr wechseln. Zumindest nicht bis 2 Uhr morgens. „Du bist doch mit dem Auto da“, redet mich dann nämlich einer der beiden von der Seite an. Er ist groß und schlaksig und trägt unordentliche Dreadlocks. „Ja“, sage ich kurz angebunden. Wir beobachten das Geschehen im Wohnzimmer. Natascha ist betrunken, was man daran merkt, dass sie anfängt „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan zu singen und viel zu oft ihren schönen Kopf auf die Schulter des Typen neben ihr fallen lässt. „Kannst du mich heimbringen? Ich geb dir auch was dafür.“ – „Wenn’s sein muss.“ Ich nicke, ohne ihn anzusehen. Einen unbekannten Typen im Auto mitnehmen ist eigentlich nicht meine Art. „Ich hau aber jetzt dann ab“, stelle ich klar. „Was, du gehst?“ Natascha kommt auf mich zu getorkelt und legt wieder ihre Arme um mich. „Es ist doch erst… wie spät ist es, Max?“ Der mit den Dreadlocks zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Zerknülltes Kaugummipapier und eine Plastiktüte Gras fallen heraus. Er lässt es schnell wieder in seiner Tasche verschwinden. „Viertel nach 2.“

Max wohnt nur wenige Kilometer von Natascha entfernt. Während meine Füße zwischen Kupplung, Gas und Bremse tanzen, fängt er binnen weniger Sekunden an zu schnarchen. Die Straßen sind wie ausgestorben, der Asphalt nass vom Regen. „Max, muss ich links?“ Keine Reaktion. Ich rüttle an seiner Jeansjackenschulter. Noch einmal. Benommen fährt er hoch. „Was?“ – „Muss ich liihiinks?“ – „Ja. Da vorne, Hausnummer sechs.“ Er klettert aus dem Corsa, ist etwas wackelig auf den Beinen. Dann dreht er sich um und streckt mir das Plastiktütchen mit dem Gras entgegen. „Kannste haben“, murmelt er. „Behalt’s dir“, entgegne ich. Als ob ich sein Gras bräuchte.

Pa

Wieder kommt sie spät in der Nacht nach Hause und nimmt ein Bad. Wie ich es hasse. Das gurgelnde Geräusch hält mich wach, unruhig werfe ich mich von der einen zur anderen Seite. In meinen Träumen läuft das Wasser über den Rand der Wanne und sie liegt schwerelos darin, mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche und einem Lächeln im Gesicht. Friedlich.

Lola

Sie lag in der Wanne, als es passierte. Nackt, ein paar Schaumkronen tanzten auf dem warmen Badewasser um ihre Brüste, die wie eine Insel aus dem Wasser ragte. So stelle ich es mir zumindest vor, denn gesehen habe ich sie nicht. Die Badewanne lässt mir keine Ruhe mehr. Immer öfter verspüre ich den Drang zu baden, obwohl ich sonst eigentlich immer dusche. Wie Pa.

Ich steige in die Wanne und spüre die Hitze in mir aufsteigen, den Dampf, der sich zu meinem Kopf hochtastet. Baden gibt mir das Gefühl, ich könnte verstehen, was in ihrem Kopf vorging. An jenem Abend. Das Rätsel entschlüsseln, die Zeichen entziffern. Gefunden habe ich bislang nichts. Ich versuche es mit kaltem, lauwarmen, warmen und heißem Wasser, Badeessenzen in den verschiedensten Farben, Düften, Konsistenzen und Mengen, dazu die unterschiedlichsten Sorten von Badeschaum. Nichts.