Das Runkel

Der nachfolgende Text war als spontanes Weihnachtsgeschenk für meine Oma gedacht. Als Inspiration dienten Sagen aus dem Bayerischen Wald und „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende; außerdem Erzählungen und Anekdoten von Verwandten, Bekannten und Freundin. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Geschichte so gefällt. Aber der großmütterlichen Rückmeldung zufolge gefiel sie zumindest der Beschenkten. Und das ist die Hauptsache. (Ich bitte etwaige Tippfehler zu entschuldigen, der Text ist leider unredigiert.) Viel Spaß all jenen, die sie lesen möchten ❤


Für Oma.

Dezember 2016

Drei Tage vor Weihnachten war ganz Nünleinshütt in Aufruhr. Die jüngste Tochter von Ignaz Koller war spurlos verschwunden. Niemand wusste seit wann, niemand wusste wohin. Einzig das Warum schien klar, schließlich war Toni, so hieß die Kleine, dafür bekannt, sich gerne zu verstecken.

Toni Koller war erst fünf. Die Kollers lebten als Inwohnerfamilie auf dem Lemberger-Hof in Nünleinshütt, einem kleinen Dorf im hintersten Winkel eines großen Waldgebietes. Wer in Nünleinshütt wohnte und keinen Hof oder Wald besaß, verdiente sich als Knecht oder Magd den Lebensunterhalt. So auch Ignaz Koller und seine Ehefrau Zenz. Die aufkeimenden Gefühle, die der junge Knecht für Zenz empfand, überdauerten zunächst einen Krieg, der Ignaz mit 17 an die Westfront rief. Von einem Tag auf den anderen legte er seine Arbeit nieder und verließ zum ersten Mal sein Heimatdorf. Zenz winkte ihm schüchtern zum Abschied, auf ihrem Gesicht ein dunkler Schatten. Ihr Ausdruck erschien Ignaz wenige Wochen später erneut im Schützengraben. Ergriffen von der plötzlichen Erscheinung seiner Liebsten stand er aufrecht in seiner geistigen Abwesenheit da, ehe ihn ein Kamerad zu Boden riss und ihn so aus der Flugbahn einer feindlichen Kugel zog. Nie hatte Ignaz seinen Retter gesehen und doch versuchte er sein Leben lang eine Erinnerung an ihn heraufzubeschwören. Erst auf seinem Totenbett sollte ihm dessen Name Erich in den Sinn kommen, doch völlig zusammenhanglos und ohne, dass seine Angehörigen damit etwas anfangen konnten.

Unversehrt und doch sehr mitgenommen kehrte der magere Knecht als erschöpfter Mann aus dem Krieg heim. Auf dem Lemberger-Hof erkannte man Ignaz zunächst nicht, mit Ausnahme von Zenz, die mit einem Strauß Heidekraut auf ihn gewartet hatte. Der Anblick des Todes hatte seine Augen traurig werden lassen und zwei tiefe Falten zwischen seine dunklen Augenbrauen gebrannt und doch bewirkte das Heidekraut, dass ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte. Wenig später hielt Ignaz um die Hand der Magd an und führte sie an den Traualtar. Voll Zuversicht, da der Krieg sich dem Ende zugeneigt hatte. Unwissend, dass es einen zweiten geben würde, der viel schlimmeren Ausmaßes war.

Die Zeit der Schützengräben war vorbei, die nachfolgenden Winter blieben hart. Auf dem Lemberger-Hof arbeiteten die Knechte und Mägde unentwegt und in den wenigen Verschnaufpausen entstanden Familien. Schon während der Trauung wusste Zenz, dass sie einen Sohn erwarten würde – zu jenem Zeitpunkt befand sich der kleine Franz noch in einem Stadium, in dem er mehr einem Schwein als einem Menschen ähnelte. Sobald er geboren wurde, merkte man davon natürlich nichts mehr.

Das junge Ehepaar hatte Glück: Ihm fielen eine Stube und zwei kleine Schlafkammern auf dem Hof zu. Die Räume lagen ebenerdig und waren spärlich eingerichtet, der Boden nicht mehr als platt getretene Erde und ein einziges quadratisches Fenster in etwa so groß wie Ignaz‘ Kopf ließ ein wenig Sonnenlicht herein. Die Schlafkammern waren mit abgetretenen Teppichen ausgelegt und fensterlos, weswegen man sich ohne Kerze nicht in ihnen zurecht fand. Manchmal glaubte Zenz in deren Dunkelheit Gestalten zu erkennen und nachts hoffte sie, dass ihr Mann mit seinem lauten Schnarchen sie vertreiben würde. Die zweite Schlafkammer war nur halb so groß wie das Schlafzimmer, sollte aber bald vier Kinder beherbergen.

Franz, der erste Sohn der Kollers, machte gerade erste Schritte in der Stube, als bei Zenz Wehen einsetzten. Eilig stapfte die Obermagd zu den Hofbesitzern, die, erschöpft vom Heuwenden, ihre Abendsuppe löffelten. Juni und Juli waren im Jahr 1920 so trocken und heiß, dass die Nünleinshütter den Herrgott in ihren abendlichen Gebeten baten, es endlich regnen zu lassen. Die Hitze machte auch der hochschwangeren Zenz zu schaffen. Ihr braunes, dünnes Haar klebte in feinen Strähnen an ihren nassen Schläfen, auf ihrer Nase traten dicke Schweißperlen hervor. Selbst in der kühlen Kellerstube war es für Zenz Koller nicht kühl genug. Als die Wehen einsetzten, war ihr Bauch dick angeschwollen und kleine Äderchen zierten wie Flüsse auf einer Landkarte ihre gedehnte Haut.

Mit Frau Lemberger hatte Zenz eine erfahrene Geburtshelferin an ihrer Seite. Sie war bei der Geburt von Franz dabei, hatte selbst acht Kinder zur Welt gebracht und insgeheim war es ihre liebste Beschäftigung auf dem Hof, der Geburt junger Kälber, Fohlen und Menschen beizuwohnen. Sie mochte den säuerlichen Geruch, den frischgeborene Säugetiere anfangs an sich trugen. Die Geburt von Ignaz jedoch überforderte selbst die Bäuerin. Behutsam bettete sie Zenz Koller in das Bett im stockdunklen Schlafzimmer und befahl den Mägden, so viele Kerzen wie nur möglich anzuzünden. Umgeben von einem Lichtermeer kam das Kind Stück für Stück zum Vorschein. Die Nabelschnur war zweimal um seinen Hals gewickelt und versuchte ihn, einer Würgeschlange gleich, zu erdrücken. Die Mägde hatten das Geschehen vom Türrahmen aus beobachtet. Beim Anblick der engen Nabelschnur erschrak eine und stieß versehentlich eine Kerze um, die den Teppich vor dem Bett in Flammen aufgehen ließ. „Ach du meine Güte!“, rief Frau Lemberger. Mit ihren kräftigen Fingern versuchte sie die Schnur um Ignaz‘ Hals zu lockern, während das Feuer bereits ihren Rockzipfel ansengte. Zwei Mägde stampften auf den Flammen herum, doch sie schafften es nicht, sie zu tilgen. Als das Feuer den Rockzipfel der Bäuerin hochwanderte, versuchte diese reflexartig mit dem Kind in den Händen aus der Kammer zu laufen, was zur Folge hatte, dass sich die Nabelschnur noch enger um den kleinen Hals zog.

Es war eine verflixte Geburt und wer hätte gedacht, dass es die Obermagd sein würde, die dem Durcheinander ein Ende machte? Gerufen von hysterischen Schreien stampfte sie in die Koller-Stube, schob die Mädchen unsanft auseinander und nahm beide Ecken des brennenden Teppichs. Die Bäuerin stolperte zur Seite, die Obermagd klappte den Teppich zusammen und erstickte die Flammen unter seinem dicken Stoff. Mit einem „Es tut mir leid, Frau Lemberger, aber ich muss!“, zog sie ihrer Chefin den Rock herunter, lief damit in den Hof hinaus und trampelte auf den Flammen herum, bis sie erloschen. Im angekokelten Unterrock gelang es Frau Lemberger schließlich die Nabelschnur zu lockern, sie mit einem Messer zu durchtrennen und dem Kleinen ein Weinen zu entlocken.

Ignaz Koller kam zu spät zur Geburt seines zweiten Sohnes. Er war mit Herrn Lemberger und drei Knechten im Wald unterwegs, um zwei Fichten zu fällen. Mit dem Holz sollte die große Scheune am Lemberger-Hof ausgebessert werden. Als die Männer zurückkehrten, hielt man Ignaz ein kleines Knäuel hin, das fortan seinen Namen trugen durfte. Vielleicht lag es daran, dass sie Namensvetter waren – jedenfalls verband Ignaz und seinen zweiten Sohn ein Leben lang tiefe Freundschaft. Aus den Holzüberresten, die nicht mehr gebraucht wurden, zimmerte sich der junge Vater eine Bank und stellte sie wenige Tage nach der Geburt unter der Linde am Hofeingang auf. Auf ihr verbrachten die Kollers noch viele Sommerstunden, dabei zusehend, wie die dunklen Wälder in der abendlichen Dämmerung langsam eins mit dem blauen Himmel wurden.

Die Jahre verstrichen und das Land erfreute sich wirtschaftlichen Aufschwungs. In den Städten viele Wegstunden entfernt tanzte man Charleston und ging ins Lichtspielhaus. Frauen trugen ihr Haar kurz, rauchten in der Öffentlichkeit und entschieden sich, weniger Kinder zu bekommen. In Nünleinshütt bekam man von all dem nur sehr wenig mit. Zenz trug ihr langes Haar pragmatisch zu einem Knoten aufgerollt und Gedanken über ihr Rollenbild als Mutter erstickte sie in Windeseile wieder im Keim.

Die Goldenen Zwanziger, wie diese Zeit später genannt wurde, endete in einer Weltwirtschaftskrise. Da hatten die Kollers bereits vier Kinder. Zu Franz und Ignaz junior kamen Elisabeth, genannt Else, und Antonia, genannt Toni, hinzu. Womit wir nun endlich bei der kleinen Toni wären. Toni unterschied sich in ihrem Charakter sehr von ihren Geschwistern. Das dünne, blasse Mädchen entwickelte bald eine Neigung dazu, sich vor Menschen zu verstecken. Den ganzen Tag durchforstete sie den Lemberger-Hof nach geeigneten Schlupfwinkeln und es schien ihr egal, wenn sie aus Sicht der Hofbewohner äußerst ungeeignet waren. Toni war überaus schüchtern, am liebsten sprach sie mit niemandem. Und sie hatte einen äußerst starken Willen und tat, wonach ihr der Kopf stand.

Unweit vom Hof entfernt entdeckte die Fünfjährige einmal einen alten Fuchsbau. Ihr neues Lieblingsversteck. Der Höhleneingang war gerade so groß, dass Toni sich ein Nest bauen konnte. Sie brachte ihr Kopfkissen in die Höhle und legte den Boden mit Strohbüscheln aus, die sie aus der Scheune mitgehen ließ. An manchen Nachmittagen schlief sie dort. Zenz suchte vergebens nach Tonis Kissen, gab es bald auf und nähte ihr eines aus ihrer alten Küchenschürze. Währenddessen füllte sich die kleine Höhle mit steinharten Brotresten, einer Sammlung aus weißen Kieselsteinen und verwelktem Heidekraut, mit dem Toni die rissigen Wände dekoriert hatte. Die Brotkrumen lockten bald Kaninchen an und als Toni deren Köttel im Stroh entdeckte, beschloss sie Tierbeobachterin zu werden. Sie versteckte sich im Gebüsch ganz in der Nähe, und sah den Nagern dabei zu, wie sie in ihre Höhle huschten, bis ihnen eines Tages Herr Lemberger mit der Jägerflinte folgte. „Was ist denn das?“, staunte er, als er das von Menschenhand gemachte Nest sah. Toni konnte ihr Kichern kaum unterdrückten, wurde von Lemberger entdeckt und unsanft am Kragen zum Hof gezerrt. „Nichts als Ärger machst du uns, kleine Toni!“, schimpfte er sie und später schüttete er mit ihrem Vater die Höhle samt Einrichtung zu. Toni musste Ignaz versprechen, nie mehr in einen Fuchsbau zu kriechen. „Wehe dem Fuchs, der dich da findet und dich beißt!“, wedelte er mit drohendem Zeigefinger vor ihr herum, ohne auf Tonis Widerrede vorbereitet zu sein. „Dann beiße ich eben zurück“, entgegnete sie ihm trotzig. „Halt dein freches Maul!“ Ignaz holte schon zu einer Ohrfeige aus, als Zenz ihn zur Nachsicht ermahnte: „Es bringt doch nichts.“ Und er ließ die Hand fallen. „Hast du denn vergessen, wer alles in den Höhlen lebt? Schratzel, Bären, Geister, vielleicht der Teufel!“, versuchte Ignaz ihr Angst einzujagen. Was er nicht wusste, vielleicht, weil er sich nie für die Eigenheiten seiner Tochter interessiert hatte, war, dass sie keinerlei Angst vor seinen dunklen Sagengestalten verspürte. Sie hatte sie alle schon gesehen – in den dunklen Ecken des Hofes und in der Schlafkammer der Eltern. Anders als ihre Mutter wagte sich das Mädchen ohne Kerze hinein, um die Gestalten genauer zu betrachten. Manchmal glaubte sie, einen Säugling zu sehen, um dessen Hals eine blaue Würgeschlange gewickelt war.

In Nünleinshütt hatte sich die Geschichte der kleinen Toni und ihrer Schlafstätte im Fuchsbau schnell verbreitet. Das Mädchen suchte sich in Zwischenzeit ein neues Versteck: Unter ihrem Bett. Tagsüber war kaum jemand in der Stube, geschweige denn im Kinderzimmer anzutreffen. Die Eltern arbeiteten am Hof, Franz, Ignaz und Else halfen gelegentlich mit. Franz war zu einem kräftigen Burschen herangewachsen, sein blonder Haarschopf dunkelte über die Jahre nach und bald sah er mit seinem aschblonden Kurzhaarschnitt wie der Vater aus. Ignaz junior hingegen wuchs seit jeher dunkles, dickes Haar, das er sich später als Erwachsener mit einer Pomade nach hinten kämmen würde. Else schien wie durch ein unsichtbares Band mit ihrer Puppe Maria verbunden zu sein. Selbst in die Schule, zu der die drei Geschwister gemeinsam gingen, nahm Else ihre Puppe mit. Der Schulweg führte die Kinder vom Hof unmittelbar hinein in den Wald und mitten durch die Heidelbeersträucher, die im Sommer an ihre nackten Beine kratzten. Das Schulhaus fiel mit einem einzigen Klassenzimmer sehr klein aus. Für die Nünleinshütter reichte es gerade so, gab es ihm Dorf doch nur knapp 40 schulpflichtige Kinder (und acht davon kamen vom Lemberger-Hof). Dicht an dicht gedrängt saßen sie im Klassenzimmer, lernten lesen und schreiben und bekamen rissige Hände von den trockenen Kreiden, mit denen sie auf Schiefertafeln das Alphabet malten.

Ignaz und Zenz waren glücklich mit ihrer Wohnung, auch wenn es im Winter trotz des glühenden Ofens schrecklich kalt darin wurde. „Das sind halt die Waldwinter“, pflegte Ignaz zu sagen, weil er es nicht anders kannte. In den Wintermonaten weckte Zenz die Kinder vor Sonnenaufgang mit einer Tasse warmer Milch, auf der sich dicke Haut gebildet hatte und die Kinder tunkten zum Frühstück eine Scheibe Brot hinein. Der Weg zur Schule war aufgrund der Schneemengen beschwerlich, auch wenn die Wipfel der Fichten viel von den dicken Flocken auffingen. Die Kinderschuhe hielten weder Wasser noch Kälte ab, nur die Wollsocken spendeten ein bisschen Wärme, zumindest bis sie vollkommen nass waren. Ausnahmslos jedes Dorfkind holte sich mindestens einmal pro Winter eine schlimme Erkältung, manchmal sogar zwei.

Um Wintersonnenwende war der Wald, durch den Franz, Ignaz und Else marschierten, morgens stockdunkel. Auf einen dieser Tage fiel ein letzter Schultag vor den Weihnachtsferien. Inmitten des Lemberger-Hofes kündete eine mit golden bemalten Walnüssen behangene Tanne vom bevorstehenden Weihnachtsfest. In der Schule hatte man für den letzten Tag ein kurzes Krippenspiel einstudiert, das die Kinder für sich selber aufführten. Else durfte Maria spielen. Im Schein der Kerze wiederholte sie in der Stube ihre Verse unter genauer Beobachtung ihrer kleinen Schwester Toni. „Lasst uns ein, werter Herr!“, rezitierte Else mit monotoner Stimme. „Ich… wir…“ Sie warf nochmals einen Blick auf ihre Zeile, die sich einfach nicht einprägen ließ. „Wann ist denn dieses Krippenspiel?“, fragte Toni ungeduldig. „Morgen, aber davon wirst du nichts mitbekommen, Toni, schließlich gehst du noch nicht zur Schule“, meinte Else und besann sich wieder auf ihren Text. Zenz rührte gerade in der Milchsuppe, die auf dem Herd vor sich hin kochte und säuerlich duftete, während Ignaz sich das von der Arbeit schmutzige Gesicht mit Wasser abwusch und die Buben mit zwei Ästen als Degen kämpften. „Darf ich mit zur Schule?“, bohrte Toni nach. „Viel zu klein“, murmelte Ignaz, nicht gefasst auf Tonis Widerrede mit trotzig verschränkten Armen: „Gar nicht bin ich zu klein!“ – „Du sollst nicht immer deinem Vater widersprechen“, ermahnte Zenz sie, nahm den Topf vom Herd und richtete das Abendessen an. Also widersprach Toni ihrem Vater fortan nicht mehr. Sie wandte sich mit traurigen Augen zum einzigen Fenster der Stube und versuchte draußen in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch alles, was sie sah, war ihr unglückliches Spiegelbild.

An jenem letzten Schultag war das Wetter milder geworden und der Schnee, der den Kindern bis zu den Knien reichte, wurde matschig. Franz, Ignaz und Else stapften im Gänsemarsch durch den Wald zur Schule, allen voran Franz mit einer Laterne. Else, ihren müden Blick auf Spuren geheftet, die Ignaz vor ihr im Schnee hinterließ, betete ihren Text als Maria herunter, nicht wissend, dass sie damit nicht nur die Waldbewohner weckte, sondern auch einem heimlichen Verfolger Orientierung in der Dunkelheit bot. Viele Schritte hinter den Dreien hüpfte Toni die Fußabdrücke ihrer Geschwister nach. Sie hielt den Abstand gerade so, dass der Lichtkegel der Laterne nicht mehr auf sie fiel und dennoch Elses Gemurmel zu hören war. Die nasse Kälte war längst in Tonis Knochen gefahren, doch die Aussicht auf die Schule trieb sie an. In ihrer Vorstellung sah sie ein großes Haus, viel größer als der Lemberger-Hof. Türme mit Zinndächern ragten an vier Ecken majestätisch empor und aus den großen Bogenfenstern flackerte helles Licht. Unbedingt wollte sie diese Schule sehen, also folgte sie ihren Geschwistern unbemerkt.

Nach dem ersten Hügel erkannte Toni aus dem Augenwinkel ein gelbes Augenpaar, das auf sie gerichtet war. Sie hielt inne. Nicht dass ein gelbes Augenpaar sie beunruhigte, im Gegenteil: Toni mochte Dinge, die sich im Dunkeln verbargen und das Funkeln zweier Augen nahm sie als Einladung wahr, zu ihnen zu kommen. Während sich Franz, Ignaz und Else samt Lichtschein, Schritte und Gemurmel langsam weiterbewegten, wandte sich Toni neugierig vom Weg ab. Sie wusste, sie würde mit den anderen schritthalten müssen, um zur Schule zu gelangen, doch die Augen winkten sie förmlich zu sich. „Nur ganz kurz“, nahm sie sich vor und kletterte einen nassen Schneeberg hoch, der sich am Rand des Weges aufgetürmt hatte. Ob sie nun einem Schratzel oder einem Bären gehören mochten, war Toni egal. Sie hatte keine Angst. Selbst die Sage vom Teufel mit den glühenden Augen jagte dem Mädchen keine Furcht ein. „Wir können doch Freunde sein“, murmelte sie freundschaftliche Worte in den dunklen Winterwald hinein.

Auf dem Lemberger-Hof fiel lange niemandem auf, dass die kleine Toni verschwunden war. Man hatte sich längst daran gewöhnt, dass sie sich stundenlang unter ihrem Bett versteckte und nicht gestört werden wollte. Doch als Else, die bereits von der Schule heimgekehrt war, nach ihrer Schwester sehen wollte, fand sie eine leere Schlafstube vor. „Unter‘m Bett ist sie nicht“, erwähnte sie eher beiläufig und reckte ihre von Kälte und Nässe geröteten nackten Füße Richtung Ofen. „Und in der anderen Schlafstube auch nicht.“ Zenz deckte seelenruhig den Tisch. „Sie hat wohl ein neues Versteck“, murmelte sie vor sich hin. Ignaz und die Buben suchten dennoch Hof und Scheune nach Toni ab, doch vergebens. „Wenn die sich wieder in einen Fuchsbau verkrochen hat, ich schwöre dir -“ – „Ach Schmarrn, Ignaz, als würde die Toni sich bei dem Wetter im Wald herumtreiben“, versuchte Zenz ihren Mann zu beruhigen. Bald war jedoch klar: Sie musste sich im Wald herumtreiben, denn selbst im Wohnhaus der Lembergers war keine Toni zu finden. Man rief die Knechte und Mägde zusammen und durchstreifte die Gegend. „Vielleicht ist sie uns nachgelaufen, als wir heute Morgen zur Schule sind“, kam es Else in den Sinn. Sie hatte sich an die Versen ihrer Brüder geheftet, die mit ihrem Vater jene Stelle absuchten, an der Tonis verschütteter Fuchsbau war. „Nachgelaufen?“ Ignaz hatte Elses Worte aufgeschnappt. „Wehe!“ Doch die Suche endete ergebnislos und langsam beschlich ihn das Gefühl, seine Tochter konnte recht haben mit ihrer Vermutung. Als schließlich die Dämmerung hereinbrach, schlug der Suchtrupp den Waldweg in Richtung Schule ein und tatsächlich stach ihm ein Schneehaufen ins Auge, über den sich die Abdrücke kleiner Stiefel zogen.

Wenige Meter dahinter kletterte Toni über einen entwurzelten Baum und lief direkt in die Arme ihres Vaters. „Was fällt dir ein!?“, brüllte er sie an, die Finger tief in die Arme des Mädchens gegraben. „Strolchst hier draußen herum wie ein wildes Tier, vollkommen durchnässt und halb erfroren!“ Der Suchtrupp sah wortlos zu, wie er seiner Tochter Vorhaltungen machte, bis Herr Lemberger ihn unterbrach: „Komm, lasst uns zurückgehen, schimpfen kannst du die Kleine auch daheim.“ Unsanft am Arm gepackt zog Ignaz Toni nach sich, gefolgt von Franz, Ignaz und Else. „Was hast du dir dabei gedacht?“, flüsterte Else ihrer kleinen Schwester zu. „Da war ein Runkel“, kam eine leise Antwort zurück. „Ein was?“ – „Ein Runkel.“ Else und ihre Brüder warfen sich verständnislose Blicke zu. „Toni, was ist ein Runkel?“, harkte sie nach. „Das darf ich dir nicht sagen“, behauptete Toni. „Wieso nicht?“ – „Hat das Runkel gesagt.“ Jetzt drängelte sich Ignaz junior vor. „Toni, es gibt kein Runkel und jetzt erklär uns, was du im Wald gemacht hast?“ Er klang sehr ungeduldig, fast schon wie sein Vater. „Für jemanden, der noch nie ein Runkel gesehen hat, bist du dir aber ganz schön sicher, dass es kein Runkel gibt“, entgegnete ihm Toni trotzig. „Weil es ja auch kein Runkel gibt.“ Tonis Augen verengten sich. „Oder kannst du es mir beweisen?“, stocherte Ignaz junior nach. „Ein andermal.“ – „Ha, sag ich‘s doch. Es gibt kein Runkel.“

Die Stimmung auf dem Hof hellte sich nur kurz auf, als der Suchtrupp mit Ignaz und Toni an der Spitze eintraf. Zenz entriss ihrem Mann die jüngste Tochter und drückte sie fest an sich. „Kind, du holst dir ja den Tod“, stöhnte sie auf, als sie Tonis kalten Gliedmaßen spürte. Ignaz schickte seine Familie in die Stube und ließ den ratlosen Suchtrupp auf dem Hof zurück. „Eine Tracht Prügel gehört dir“, donnerten seine Worte auf Toni herab, die mit Hilfe ihrer Mutter aus den nassen Klamotten schlüpfte und sich, in eine Wolldecke eingewickelt, vor dem Ofen niederließ. Als Ignaz merkte, dass seine Standpauke an Toni abprallte, wandte er sich seiner Frau zu und ließ seinen Frust über das ungezogene Mädchen an ihr aus. Während sich die Eltern einen Schlagabtausch lieferten, hielt Toni ihren Bruder Ignaz im Vorbeigehen an, einen ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt: „Beweise mir doch, dass es KEIN Runkel gibt.“ Sie wartete, die kleinen Fäuste geballt, auf die Antwort ihres Bruders, doch sie bekam sie nie zu hören.

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2 Kommentare

  1. Lele · Januar 8

    Bin beeindruckt und fände es toll, wenn Du eine Fortsetzung schreiben würdest.

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    • frauktose · Januar 13

      Danke dir 🙂 Die Fortsetzung steht schon (sie stand schon vor der Geschichte), ist aber noch nicht ausgearbeitet.

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