Badewasser

Pa

Tipp…Tipp…Tipp – der Wasserhahn tropft. Schon wieder. Ich habe es ihr schon tausendmal gesagt. Entweder macht sie es mit Absicht, oder… Wahrscheinlich eher zweiteres. Das ist doch immer so. Sie vergisst eine Menge, dabei ist sie noch so jung. Viel zu oft hängt sie ihren Tagträumen nach und da kann es dann schon mal passieren, dass sie den Wasserhahn nicht ganz zudreht. Oder die Tür zu ihrem Schlafzimmer nicht schließt (obwohl die Katze jede Gelegenheit ergreift, um hineinzuhuschen). Die nasse Wäsche in der Maschine vergisst. Ich sollte darüber lachen, sage ich mir, drücke auf die Klospülung, ziehe mir die Hose hoch, knöpfe sie zu, wasche mir die Hände und versuche vor dem Spiegel zu lächeln. Nur mir ist nicht danach. Meine Mundwinkel rutschen nach unten. Tipp…Tipp…Tipp – wenn es nur der Wasserhahn wäre. Es passiert ihr auch mit der Herdplatte: Sie lässt sie an. Glühend heiß, den ganzen Tag. Und erst das Autofahren. Am liebsten würde ich ihr die Schlüssel verstecken. Sie vergisst es, in den Spiegel zu sehen, vergisst zu blinken. Tipp…Tipp.. es quietscht ein wenig, als ich den Wasserhahn abstelle. „Pa, bist du im Bad?“, ruft sie mir. Sie klopft leise. „Kann ich mir schnell deine Schlüssel borgen? Ich würde gerne noch Natascha besuchen.“

Lola

Nataschas Fenster leuchten hellgrün, als ich mit Pas Corsa in die Einfahrt biege. Fast alle Fenster der Grüns leuchten hellgrün, außer vielleicht das Schlafzimmerfenster von Nataschas Eltern. Ich trete schlagartig auf die Bremse. Vor der Doppelgarage steht ein tiefergelegter dunkelblauer Golf. Die grünen Fenster spiegeln sich in seinen verdunkelten Scheiben. Was zur Hölle… Wessen Auto das ist? Keine Ahnung, ich kenne niemanden persönlich, der tiefergelegte Autos fährt. Wahrscheinlich ein Kerl mit kurz rasierten, braunen Haarstoppeln und blasser Haut, zwei oder drei Jahre älter als wir. Als ich den Motor ausmache, sehe ich Nataschas Silhouette in einem der Fenster. Ich weiß sofort, dass es Natascha ist, weil sie den schönsten Afro der Welt trägt. Ihre braunen Locken stehen wie Sprungfedern wild von ihrem Kopf ab. Von weitem sieht er fast aus wie ein Heiligenschein, der grün leuchtet. Sie klopft gegen die Fensterscheibe, als ich gerade aus dem Corsa steige, mein hochgerutschtes Kleid zurecht rücke und mir meine Handtasche vom Beifahrersitz angle.

„Hey Loooolaaaa!“ Natascha schlingt ihre Arme um mich. In der Linken ein weißer Plastikbecher mit einem honigfarbenen Getränk. Red-Bull-Geruch weht herüber. „Gut, dass du noch gekommen bist. Dachte schon das klappt nicht mehr.“ – „Hab verschlafen, sorry.“ Dass die Grüns viel Geld haben, sieht man vor allem an ihrem großen Wohnzimmer mit der dreiteiligen Ledercouch, einem Beamer mit Leinwand und irgendwelchem Technikkram, mit dem ich mich nicht auskenne. Und man sieht es an Natascha. Genau genommen sind die Grüns nämlich ihre Adoptiveltern. Genau genommen kommt Natascha aus Freetown in Sierra Leone.

Natascha drückt mir einen leeren Pappbecher in die Hand. „Oder willst du heute noch nach Hause fahren?“ – „Eigentlich schon…“ Sie schenkt mir Cola ein. Erst jetzt bemerke ich die beiden Typen, die es sich auf der Couch bequem gemacht haben. Im grünen Licht kann ich ihr Gesichter nur schlecht erkennen, dennoch glaube ich sie noch nie gesehen zu haben. Mit den beiden werde ich den ganzen Abend kein Wort mehr wechseln. Zumindest nicht bis 2 Uhr morgens. „Du bist doch mit dem Auto da“, redet mich dann nämlich einer der beiden von der Seite an. Er ist groß und schlaksig und trägt unordentliche Dreadlocks. „Ja“, sage ich kurz angebunden. Wir beobachten das Geschehen im Wohnzimmer. Natascha ist betrunken, was man daran merkt, dass sie anfängt „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan zu singen und viel zu oft ihren schönen Kopf auf die Schulter des Typen neben ihr fallen lässt. „Kannst du mich heimbringen? Ich geb dir auch was dafür.“ – „Wenn’s sein muss.“ Ich nicke, ohne ihn anzusehen. Einen unbekannten Typen im Auto mitnehmen ist eigentlich nicht meine Art. „Ich hau aber jetzt dann ab“, stelle ich klar. „Was, du gehst?“ Natascha kommt auf mich zu getorkelt und legt wieder ihre Arme um mich. „Es ist doch erst… wie spät ist es, Max?“ Der mit den Dreadlocks zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Zerknülltes Kaugummipapier und eine Plastiktüte Gras fallen heraus. Er lässt es schnell wieder in seiner Tasche verschwinden. „Viertel nach 2.“

Max wohnt nur wenige Kilometer von Natascha entfernt. Während meine Füße zwischen Kupplung, Gas und Bremse tanzen, fängt er binnen weniger Sekunden an zu schnarchen. Die Straßen sind wie ausgestorben, der Asphalt nass vom Regen. „Max, muss ich links?“ Keine Reaktion. Ich rüttle an seiner Jeansjackenschulter. Noch einmal. Benommen fährt er hoch. „Was?“ – „Muss ich liihiinks?“ – „Ja. Da vorne, Hausnummer sechs.“ Er klettert aus dem Corsa, ist etwas wackelig auf den Beinen. Dann dreht er sich um und streckt mir das Plastiktütchen mit dem Gras entgegen. „Kannste haben“, murmelt er. „Behalt’s dir“, entgegne ich. Als ob ich sein Gras bräuchte.

Pa

Wieder kommt sie spät in der Nacht nach Hause und nimmt ein Bad. Wie ich es hasse. Das gurgelnde Geräusch hält mich wach, unruhig werfe ich mich von der einen zur anderen Seite. In meinen Träumen läuft das Wasser über den Rand der Wanne und sie liegt schwerelos darin, mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche und einem Lächeln im Gesicht. Friedlich.

Lola

Sie lag in der Wanne, als es passierte. Nackt, ein paar Schaumkronen tanzten auf dem warmen Badewasser um ihre Brüste, die wie eine Insel aus dem Wasser ragte. So stelle ich es mir zumindest vor, denn gesehen habe ich sie nicht. Die Badewanne lässt mir keine Ruhe mehr. Immer öfter verspüre ich den Drang zu baden, obwohl ich sonst eigentlich immer dusche. Wie Pa.

Ich steige in die Wanne und spüre die Hitze in mir aufsteigen, den Dampf, der sich zu meinem Kopf hochtastet. Baden gibt mir das Gefühl, ich könnte verstehen, was in ihrem Kopf vorging. An jenem Abend. Das Rätsel entschlüsseln, die Zeichen entziffern. Gefunden habe ich bislang nichts. Ich versuche es mit kaltem, lauwarmen, warmen und heißem Wasser, Badeessenzen in den verschiedensten Farben, Düften, Konsistenzen und Mengen, dazu die unterschiedlichsten Sorten von Badeschaum. Nichts.

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