Wenn im Film Platten aufgelegt werden…

Spätestens wenn Vinyl auf einem Plattenspieler landet, mag ich auch den Film. Dieses Geräusch, wenn jemand die Diamantnadel auf eine rotierende Schallplatte setzt – dumpf, quietschend, kratzend, es lässt sich schwer beschreiben. Aber es impliziert immer eines: Gleich kommt ein Song. Gänsehaut.

Platten sind wieder in, ob als Lieblingssongs zum Anfassen für die Ewigkeit oder als verformte Vinyluhren und -obstschalen. Auch im Kino fand man sie früher und findet man sie heute wieder vor (siehe hier) – leider kommen sie viel zu selten wirklich zum Einsatz. Das ist mir auch vor kurzem bei Vielleicht lieber Morgen aufgefallen. Zwar schenkt Charlie Sam eine Platte von den Beatles, aufgelegt wird diese aber nicht. Stattdessen quatschen die beiden – wie laaaangweilig. Musik transportiert oft so viel mehr Innenleben als einfache Worte aus dem Drehbuch, vor allem wenn sie intradiegetisch ist, also zur erzählten Welt gehört. Ein besonders gutes Beispiel ist der Einsatz des Songs Strange Feelin‘ (von Tim Buckley) in Me Without You mit Michelle Williams. Leider legt Williams hier eine CD ein, aber immerhin läuft ein Lied, das diesen Moment zum besten des ganzen Filmes macht.

Es gibt noch unzählige weitere Songs, die in besonderen Filmmomenten als Schallplatte aufgelegt werden. Hier eine Liste:

  • Devil got my woman von Skip James in Ghostworld. Enid (Thora Birch) und Rebecca (Scarlett Johansson) haben gerade die High School abgeschlossen, doch während Rebecca erstes Geld verdient, hängt Enid nur ab. Durch einen Kontaktanzeigen-Streich lernen die Freundinnen den verschrobenen Einzelgänger und Musiknerd Seymour (Steve Buscemi) kennen. Er zeigt Enid seine Plattensammlung, darunter den Bluessong Devil got my woman, der sie besonders berührt. Außerdem ein ziemlicher Ohrwurm: A Smile and a Ribbon von Patience and Prudence aus den 1950er Jahren
  • Venus in Furs von The Velvet Underground in Last Days. Während Rockstar Blake die letzten Tage seines Lebens verlebt, legt Scott Venus in Furs (1967) auf, lehnt sich an die Couch, wippt und singt mit. Wie in Ekstase lässt er sich in diesen Song fallen, ein Gefühl, das wir bestimmt alle von dem ein oder anderen Lied kennen.
  • The Young Person’s Guide to the Orchestra, Op. 34: Themes A. – F. (1946) von Benjamin Britten in Moonrise Kingdom (2012). Im Intro von Wes Andersons Film sitzen drei Kinder um einen türkisfarbenen tragbaren Plattenspieler aus Plastik und lauschen einer ganz besonderen Melodie. Mir kam sie gleich bekannt vor, und zwar aus Stolz und Vorurteil (2005): Es handelt sich darin um A postcard to Henry Purcell, Dario Marianellis Version von Purcell’s Abdelazar (ab Minute 5). Der Plattenspieler kommt übrigens nochmals zum Einsatz: Suzy Bishop klaut ihn ihrem kleinen Bruder und tanzt auf der Flucht mit Pfadfinder Sam Shakusky in Unterhosen zu Le temps de l’amour von Francoise Hardy.
  • She smiled sweetly von den Rolling Stones in The Royal Tenenbaums. Richie Tenenbaum (Luke Wilson) kehrt nach einem Selbstmordversuch zurück ins Haus der Familie Tenenbaum und trifft seine große Liebe und Stiefschwester Margot (Gwyneth Paltrow) in seinem Zelt. Wes Anderson lässt Margot andächtig die Platte She smiled sweetly auflegen, es gleicht einer kleine Zeremonie. Als Richie und Margot gemeinsam auf dem Feldbett liegen, folgt der bekanntere Song der Stones: Ruby Tuesday.
  • Habanera aus der Oper Carmen von Georges Bizet in Disneys Aristocats (1970). Könnt ihr euch noch an Georges Hautecourt erinnern? Diesen wirren alten Herrn, der in seinem knatterigen Oldtimer angebraust kommt, beinahe die Treppen hinterfällt und dann mit Madame Adelaide Bonfamille und ihren Katzen tanzt (hier)? Der entsprechende Song ist übrigens kein geringerer als Georges Bizets Habanera, der aus einem alten Grammophon zum Kurbeln säuselt.
  • Indian Love Call von Slim Whitman in Mars Attacks. In Tim Burtons skuriller Alien-Apokalypse spielt Indian Love Call mit die wichtigste Rolle. Das Gejodel der Country Legende ist nämlich Grandmas (Sylvia Sidney) absoluter Lieblingssong, kann für andere aber unerträglich bis tödlich (Marsianer!) sein. Nur merkt das lange niemand, weil die Oma ihn mit am Plattenspieler angestöpselten Kopfhörern hört. Erst als zufällig die Kabel gezogen werden, zeigt sich die wahre Kraft von Slim Whitmans Platte.
  • The Donkey Serenade gesungen von Mario Lanza in Heavenly Creatures. In Peter Jacksons außergewöhnlicher Verfilmung eines auf Tatsachen beruhenden Mordfalles tanzen die beiden Freundinnen Pauline (Melanie Lynskey) und Juliet (Kate Winslet) zur Platte des italoamerikanischen Opernsängers Mario Lanza.

 

Ich werde die Liste noch weiterführen und nehme sehr gerne Tipps an. Vielen Dank schonmal an die Twitterer @macsorcist für den Link und @LeoDoppelherz für die Filmvorschläge. 😉

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3 Kommentare

  1. jacker · Juli 23, 2016

    Tolle und besondere Beispiele hast du hier gefunden. Ich würde noch die unbeschreibliche Szene aus A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT ergänzen, in der DEATH von den White Lies aufgelegt wird. Die Lyrics des Songs sagen einfach alles über die Emotionen, die gerade zwischen den Figuren entfesselt werden 🙂 In dem tollen Film gibt es sogar mehrere derartiger Szenen…

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  2. Pingback: I always wanted to be a Tenenbaum | frauktose

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