Jo’s Badetuch

Freibad-Philosophie

Der nachfolgende Text steht so oder so ähnlich in einem meiner Tagebücher. Sommer 2006, ich bin zarte 15. Meine Noten in Mathe und Physik reichen gerade noch zum Bestehen der neunten Klasse. Ich lasse mich gelangweilt durch das Jahr treiben, auf der Suche nach der ersten Liebe und nach mir selbst.

Auf dem Balkon gegenüber trocknet ein grünes Badetuch in der Sonne. Der Nachbarsohn war wohl im Freibad. Ich bilde mir ein, das Chlor zu riechen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Erinnerung, die lebendig wird. Zwei Tage zuvor war ich mit Lisa, Hannah, Jana und Jo im Freibad. Ich zog mein eingerolltes Badetuch aus dem Rucksack und breitete es im Schatten aus, während sich die anderen direkt in der prallen Sonne niederließen. Ihre Haut schimmerte wie Bronze in der Julisonne. Meine blieb blass wie heller Sand.

Welche Farbe haben eigentlich die Handtücher von Jungs, frage ich mich. Ich versuche mich an das Tuch zu erinnern, das Jo mitgebracht hatte. Vor meinen Augen formt sich sein Gesicht, das die Mädchen so toll finden. Sein schmaler Körper, das schwarze Schweißarmband am linken Handgelenk, das Skaterboys so tragen, neben Vans und Nietengürtel. Aber gefallen – puh – nein, mein Geschmack ist es nicht. Wie er immerzu lächelt. Als erwarte die Welt das von ihm. Und als erwarte er es von der Welt.

„Lächle doch mal!“ Es hätte mich nicht gewundert, wenn Jo das zu mir gesagt hätte. Mit einem breiten Grinsen. Wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand zum Lächeln auffordert. „Wozu der böse Blick?“, ist ungefähr das Häufigste, das mein 15-jähriges Ich gefragt wird. Im Freibad kam es von Jana. Jana, die über mich sagt, ich rede zu viel. Jana, die mir erklärt, das Leben sei kein Wunschkonzert. Ehe ich antworten konnte, lief sie Richtung Volleyballfeld und die anderen ihr nach. Ich blieb zurück. Mit von Sonnenmilch klebrigen Fingern kramte ich meinen mp3-Player hervor und legte mich mit Metallica im Ohr auf das Badetuch. Starr wie ein Brett lag ich dort. Es erinnerte mich an dieses Spiel, das wir in der Grundschule immer kurz vor Unterrichtsende gespielt hatten: „Alle Fische sind tot“. Wer am längsten regungslos auf dem Boden liegt, hat gewonnen. Ich war ganz gut im Tot-Sein.

Besser als im Mich-Verlieben und besser als darin, jemandes Love-Interest zu sein. Liegt es an mir, dass ich mich an Jo’s Badetuch nicht mehr erinnern kann, einfach weil er mich nicht interessiert? Liegt es an mir, dass ich in der Siebten gefühlt die Einzige war, die auf der Klassenfahrt nicht geknutscht hat? Dass ich noch keinen Freund hatte? Es sind  immer die gleichen Fragen, die mich beschäftigen. Jetzt gerade rotieren sie um das grüne Badetuch am Nachbarsbalkon. Es ist ja nicht so, als hätte sich noch niemand für mich interessiert, sage ich mir. Adam vielleicht. Er war so nervös, als seine Mutter uns einander vorstellte. Aber er interessierte mich nicht weiter. Simon, der meinte, er bekomme die Mädchen, wenn er sie in die Taille kneift. Fehlanzeige. „Du bist eine harte Nuss, die man irgendwie knacken muss“, sagte er zu mir. Martin. Der mir betrunken auf seiner eigenen Geburtstagsfeier erklärte, er wäre dann jetzt zu haben. Georg, der auf einer Party erst mit einer Freundin rummachte, sich danach mit dem Ärmel über die Lippen wischte und dann versuchte, mich anzugraben.

Das grüne Badetuch flattert im Wind. Ich schließe die Augen, atme die Sommerluft ein. Sonnencreme, frisch gemähtes Gras. Als ich sie wieder öffne, ist es weg.

 

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4 Kommentare

  1. Antonia · Mai 18, 2016

    Mein 15-jähriges Ich war deinem sehr ähnlich. Danke für den Erinnerungsmoment an einen Sommernachmittag im Freibad.

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    • frauktose · Mai 19, 2016

      Gern geschehen. Ich bin froh, nicht mehr mein 15-jähriges Ich sein zu müssen…

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      • Antonia · Mai 19, 2016

        Grundsätzlich bin ich da auch sehr froh drüber. 🙂 Außer ganz manchmal. Was gäbe ich zum Beispiel für diese Teenager-Langeweile in den Sommerferien, wenn der Familienurlaub mal wieder nicht mit den Urlaubsplänen der besten Freundin abgestimmt wurde…

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      • frauktose · Mai 25, 2016

        Ja das stimmt. Damals hatte man noch Zeit für allen möglichen Kram: Lesen, Träumen, spät nachts auf Arte ausgefallene Arthouse-Movies ansehen, Schreiben, Dichten…

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