„Es tut mir leid, ich bin… ein Rock’n’Roll-Klischee.“

Ein Film über die letzten Tage im Leben eines Rockstars, der wie Kurt Cobain aussieht, sich wie er kleidet, wie er singt und wie er stirbt, es aber dennoch nicht ist.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=HFWnZW3esb8

Das Erste, das Blake tut, ist: Kotzen. Später wird er weiter durchs Unterholz stolpern, nackt in einen Fluss springen und demonstrativ hineinpinkeln. Spindeldürr und blass ist er, als er aus dem Wasser kraxelt, erinnert er mich stark an Gollum. Parallelen zu ihm mögen Zufall sein, die zu Nirvana-Frontman Kurt Cobain († 5. 4. 1994) sind es nicht. Mit seinem Film „Last Days“ stellt der Regisseur Gus Van Sant ganz bewusst eine Referenz zum tragischen Tod des Grunge-Idols her. Schauspieler und Sänger Michael Pitt trägt als Rockstar Blake Kurts strähniges Haar, seinen Stoppelbart, zerrissene Jeans, Chucks, Streifenpulli, gelegentlich ein Kleid. Er ist ungesund abgemagert, sein Text unverständliches Gemurmel, das er mit seinen Seelenqualen im dicken Parka herumträgt. Er ist gerade aus der Entzugsklinik geflohen und versteckt sich auf seinem Anwesen vor Exfrau und Privat-Detektiv.

Bei den Kritikern kam Van Sants Drama aus dem Jahr 2005 nicht so gut an. Zu wenig Handlung und das Innere von Blakes Charakter komme zu kurz, bemängelten manche. Ich empfinde genau das Gegenteil: Der ganze Film steckt voller Innenleben, transportiert wird es von Kamera, Musik und Soundkulisse. Aufdringlich schellen Kirchenglocken, Telefon und Türklingel und wenn Blake selbst zu Instrumenten greift, ist das Ergebnis verzweifelter Gesang. Pitt imitiert Cobains Stimme erstaunlich gut. Er singt die hohen Töne ebenfalls mit der Bauch-/Bruststimme, was den Gesang rau und „echt“ wirken lässt – das Geheimnis von Cobains Authentizität, wie eine Analyse (ab S.57) ergab. Mittels ungewöhnlich langer Einstellungen und zeitlupenartigen Bewegungen von Blake und der Kamera wird dessen innere Qual bildlich in die Länge gezogen. Van Sant beschränkt sich dabei auf wenige, sehr ähnliche Perspektiven. Manchmal bleibt die Kamera wie in Trance an einer Stelle, etwa einem Gebüsch im Garten, hängen. Zusehen fühlt sich beinahe wie Meditation an und erinnert mich an „2001 – Odysee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick.

Das bisschen Handlung wiederholt sich in einem Déjà-vu: Immer wieder tanzen Blakes Freunde in seinem Haus zu „Venus in Furs“ von Velvet Underground, wiederholt erzählt Luke von seinem Song, die Flucht Blakes vor Donovan und dem Privatdetektiven läuft immer gleich ab. Ein unaufhörlicher Strudel der Verzweiflung, zusätzlich verstärkt durch die Positionierung Blakes in Türrahmen, die für das Gefühl des Gefangen-Seins steht. „Bist du frei?“, fragt ihn Sonic-Youth-Frontfrau Kim Gordon. „Frei genug, um die Gitarre zu spielen?“ Von wegen. Blake ist eingekesselt zwischen Ruhm, Drogensucht und Erwartungen, weswegen er infantil wird, wie ein Kleinkind zur Tür krabbelt oder sich in das Bett seiner Tochter legt. „Ich habe auf meinem Weg etwas verloren, auf meinem Weg dahin, wo ich heute bin“, schreibt er in sein Notizbuch.

Als Nirvana-Fan habe ich unzählige Dokus über die Band und Kurt Cobain durch. Alle versuchen sie seine Gedanken zu sezieren, darunter auch „Montage of Heck“, die vergangenes Jahr erschien. Seziert wird in „Last Days“ nichts. Angenehm. Aber wie gesagt: Es geht darin ja nicht um Cobain, sondern um den Niedergang eines x-beliebigen Rock’n’Roll-Klischees. 😉

Fazit: Wer auf Grunge und Filme ohne Handlung steht, kann mit „Last Days“ sicherlich etwas anfangen.

Tipp: Bis 14. April 2016 ist „Last Days“ noch in der Mediathek von arte.tv zu sehen.

Schönste Einstellung:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=rShdRx2zhRs

„Last Days“ (USA 2005). Ab 12 Jahren. Von Gus Van Sant (Regie, Drehbuch und Schnitt). Mit Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento und mehr. 97 Minuten.

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