Laub und Eiskristall

Sie erzählt, wie sie frühmorgens um vier nicht mehr schlafen kann. Um fünf kriecht sie aus ihrem Bett, tastet nach dem Lichtschalter. Sie zieht sich an, warm, mit Jacke und Mütze, und schleicht hinab ins Erdgeschoss. Vorbei am Zimmer ihres Bruders. Im Dunkeln. Ihre leisen Schritte wie ein pochendes Herz. Dumpf und entschlossen. Die Kamera wartet schon auf der Wohnzimmerkommode.

Draußen ist es noch dunkel. Frische Morgenluft peitscht ihr ins Gesicht. Es riecht nach Winter mit einem Hauch von Frühling. Eigentlich wollte sie Tau oder Frost auf dem Laub des letzten Herbstes fotografieren, doch dafür ist es längst zu warm. Es beginnt zu dämmern, als sie die Straße entlang geht. Der letzte Rollsplit, der vom Winter übriggeblieben war, knirscht unter ihren Lederstiefeln. Sie verschwindet aus dem Lichtkegel der einen Straßenlampe und taucht im Lichtschein der Nächsten wieder auf. Die Schultern hochgezogen, die Hände tief in der Jackentasche vergraben. Schwerfällig baumelt die Kamera um ihren Hals hin und her, im Takt der Schritte.

Es kommt nicht oft vor, dass sie vor Sonnenaufgang nicht mehr schlafen kann. Meist bleibt sie wach, bis sich hinter ihrer herabgelassenen Jalousien langsam die Konturen der Welt da draußen bilden. Sie liegt in ihrem Bett, oft stundenlang, starrt wie hypnotisiert in den Bildschirm ihres Laptops, scrollt durch Timelines, schreibt, liest. Auch dann, wenn der Bildschirm vor ihren Augen verschwimmt, hört sie damit nicht auf.

Abgebrochene Weizenhalme, Verdorrtes, Erfrorenes – als sie das nackte Feld betritt, steigt sie über die toten Reste der Ernte des letzten Jahres. Die braune Erde ist vom Winter hart wie Beton. Schmutzige Steine ragen wie Zacken aus dem grau-braunen Boden. Daneben ihre Spur von gestern und vorgestern. Kein Laub. Keine glitzernden Eiskristalle. Kein Baum weit und breit, nur die roten Dächer, die in der Talsenke verschwinden. Heute sind sie noch grau vom Dunkel der Nacht. Sie zieht den Schal etwas höher, atmet feucht in die weiche Wolle. Heute ist sie wieder ein dünner, dunkler, horizontaler Strich auf den waagrechten Linien des Ackers.

Wenn sie mittags nicht aufstehen will, bilden sich tiefe Falten im Gesicht ihrer Mutter. Je öfter es passiert, desto dunkler ihr Blick. Also lässt ihre Augen lieber geschlossen. Sie will sie nicht sehen. Die Sorgen der anderen. Die Sorgen ihretwegen. Das mit dem Aufstehen, das ist so eine Sache. Ein Problem. Schon seit einiger Zeit. Vielleicht ist es schon viele Jahre her, als sie angefangen hat, im Bett zu bleiben. In einer wohlig warmen Höhle, weit weg von der Schule, von den kurzen Wochenenden. Sie hasst es, wenn ihre Mutter morgens Cornflakes isst. Wie sich Milch in ihren Mundwinkeln sammelt. Wie sie auf den Getreideflocken herumkaut, wie sie schlürfend die Milch austrinkt. Dieser Lärm ist unerträglich.

Also bleibt sie im Bett, wenn sie eigentlich zur Schule müsste. Zur Schule hätte müssen. Seit sie nämlich liegen geblieben ist, ist sie von der einen Schule geflogen. Und dann von der nächsten. Und der nächsten. Aber solange sie liegenbleibt, ist es ihr egal.

Sie sollte ein andermal nach Laub und Eiskristallen suchen. Irgendwo, an einem Ort, wo Bäume wachsen. Warum nur kehrt sie immer auf dieses Feld zurück? Ihre Nase fängt an zu laufen. Sie zieht Rotz und kalte Märzluft hoch. Die Dächer sind rot. Keine Spur mehr von grau. Es wird Zeit wieder zurückzugehen. Zu dem Haus mit dem kleinen Garten, der hellen Holzverkleidung und dem Fenster, aus dem Nachts ein klein wenig Licht kriecht. Jede Nacht. Immer.

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