Nr. 461 in „Tausend Tode schreiben“

Tausend verschiedene Texte über den Tod ergeben ein Bild davon, wie wir heute in unserer Gesellschaft der Tod sehen. Das zumindest findet Verlegerin Christiane Frohmann (Frohmann Verlag). Sie hat das interaktive Ebook-Projekt „Tausend Tode schreiben“ ins Leben gerufen, an dem sich im Grunde jeder beteiligen kann. Neben Texten von Clemens J. Setz, Stefan Mesch, Sarah Berger (@milchhonig), @akkordeonistin, @KatiKuersch, @NeinQuarterly oder Margarete Stokowski, kommen darin auch No-Name-Autoren (wie ich) zu Wort. Hier mein Beitrag zu #1000Tode.

(Ich bin über jede Kritik und Meinung sehr dankbar. In der Nachbetrachtung finde ich meinen Text nämlich nicht sonderlich gelungen. Vielleicht geht es euch genauso und ihr habt eine Idee, woran das liegen könnte.)

461

 

Mit acht besuchte sie zum ersten Mal eine Beerdigung.

Sie hat ihr grün gemustertes Sonntagskleid gewaschen, ausgewrungen und an die leere Wäscheleine zwischen den Apfelbäumen gehängt. Hin und wieder hat sie am Kleidzipfel getastet, ob es schon getrocknet war. Dann hat sie es auf dem Küchentisch ausgebreitet, das Bügeleisen erhitzt und es vorsichtig über die Fältchen gleiten lassen. Besagtes Sonntagskleid hat sie auch getragen, als sie mit Vater und Mutter aus der Messe zurückgekehrt ist. Der Geruch von Weihrauch brannte noch in ihrer Nase. Vater hatte auf seinem Sessel Platz genommen, Mutter das Hähnchen mit Fett eingestrichen, als es klopfte. Es war Tante Anna, ganz käsig im Gesicht. Vater sprang auf, Mutter legte den Pinsel beiseite und sperrte die Küchentür ab.

Sie saß auf dem Teppich im Wohnzimmer. Vor sich hatte sie ihre vier Puppen liegen. Sie war zusammengezuckt, als Mutter die Tür schloss. Es war abrupt still geworden. Kaum hörbar kroch ein gedämpftes Wimmern aus der Küche. Mit herabgefallenen Augenlidern lagen die Puppen vor ihr. Maria ganz links, mit dem buschigen roten Haar. Ihre rosa Lippen lächelten. Rechts daneben Pauline. Zwei geflochtene Zöpfe umspielten ihr porzellanfarbenes Gesicht. Die gute Merle mit ihren verblichenen Augenbrauen. Ann-Kathrin, ganz rechts, der Kopf viel zu groß für ihren Körper. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie Ann-Kathrin. Sie hatte diese Puppe nie wirklich gemocht. Das Wimmern aus der Küche wurde lauter, bis ihr Vater den Besuch mit einem Pscht! zur Ruhe drängte. Das Kind, mochte er gesagt haben in der Vorstellung seiner Tochter. Es muss doch nicht alles mitbekommen. Ist doch noch viel zu klein.

Zu klein wofür?, fragte sie sich. Zu klein für Anna und ihr Wimmern? Zu klein für abgesperrten Küchen? Sie griff nach Pauline. Sobald sie die Pauline nach vorne kippte, öffnete diese ihre honigbraunen Augen. Sie sah fröhlich aus. „Bist du eigentlich auch mal traurig?“, fragte sie Pauline. Mit einem Mal kam es ihr komisch vor, auf Paulines Antwort zu warten. Schließlich war es ja sie selbst, die immer anstelle von Pauline mit verstellter Stimme geantwortet hatte. Jetzt fand sie es plötzlich seltsam. Sie legte Pauline zurück neben Merle. Merle hatte immer bei ihr im Bett gelegen. Wenn sie abends nicht hatte einschlafen können, hatte ihr Merle beruhigende Worte zugeflüstert. Jetzt, da sie Merles versteinerte Miene betrachtete, fühlte sich alles falsch an. Niemals hatte ihr diese Puppe ins Ohr geflüstert. Sie selbst war es gewesen. Noch nie zuvor war sie auf einer Beerdigung gewesen, doch nun hatte sie eine genaue Vorstellung davon, wie eine aussah. Wie aufgebahrte Leichen lagen die vier Puppen vor ihr. Nie mehr würde sie ihnen ein Wort entlocken. Nie mehr würden sie antworten, denn alle Antworten waren bloß ihre eigenen Worte. An diesem Sonntagmittag hatte sie ihre vier besten Freundinnen verloren. Zwei Tage später brachte sie in ihrem Sonntagskleid einen großen Karton hoch zum Dachboden.

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