Novemberabend

Die Novemberluft streicht mit ihren kalten Fingern über meine Wangen, als ich aus dem beheizten H&M trete. Vor mir die Kaufingerstraße in der Dämmerung, mit all ihren Menschen. Ich begebe mich in die Masse, wie ein Meeresstrom zieht sie mich in Richtung Marienplatz, vorbei an den Klamottenläden und ihren Elektrobeats. Eben habe ich 40 Euro für eine High-Waist-Jeans ausgegeben. Ich konnte das Geld gerade noch dafür zusammen kratzen.

Marienplatz. Ich zwänge mich durch die kleinen Lücken, vorbei an einem attraktiven Paar. Am Brunnen angelangt drehe ich mich so, dass ich die beiden aus der Ferne beobachten kann. Er trägt einen Zweireiher und eine elegante Ledertasche, sie einen knielangen kirschroten Filzmantel. Vielleicht haben sich die beiden im Büro kennengelernt, vielleicht ist sie Studentin und er ihr Dozent? Sie sind bestimmt schon einige Jahre zusammen, streiten selten. In letzter Zeit machen sie sich Gedanken, wie es weitergehen soll. Wird sie nach Hamburg gehen und ihn in München zurück lassen?

Gleich in der Nähe des Brunnens hat sich eine Gruppe Musiker niedergelassen. Ein Bassist, eine Geigerin, einer mit Harmonie, ein Gitarrist und ein Trommler – für mich klingen sie nach Amélies fabelhafter Welt. Von der Seite tippt mich meine Freundin an. Ich drehe mich zu ihr, wir umarmen uns wortlos und lächeln dabei. Eine lila Wollmütze und ein dicker, grauer Schal verdecken ihr Gesicht fast gänzlich. „Gehen wir einen Kaffee trinken“, sagt sie, nimmt mich am Arm und zieht mich Richtung McDonalds. Dort setzen wir uns mit unseren Pappbechern auf zwei einsame Hocker, schälen uns aus den Jacken und lassen Zucker in den Kaffee rieseln. Es riecht nach Fett, getoasteten Burgerbrötchen und gerösteten Kaffeebohnen. Wir reden. Während auf der anderen Seite der großen beschlagenen Fenster die Stadt mit ihren Bewohnern, Lichtern und Lärm an uns vorbeizieht. Meine Freundin meint, sie wolle ihren Studiengang wechseln. ,,Ich möchte freier sein, kreativer. Und weniger lernen.“ Insgeheim plagt sie die Einsamkeit. Ihre Mitbewohner sind zehn Jahre älter als sie und sehr beschäftigt. Sie finden einfach keine gemeinsamen Gesprächsthemen. Ich stelle mir vor, wie meine Freundin in ihrem Zimmer sitzt, vielleicht im dritten Stock, mit Blick auf den kahlen Kastanienbaum im Hinterhof. Sie zeichnet etwas an den Rand ihrer Mitschrift. Eine dunkelhaarige Frau, die traurig aus dem Fenster sieht.

Manchmal, sagt sie, trifft sie sich mit einem ehemaligen Klassenkameraden, der hier in München Physik und Mathe studiert. Einmal hat er versucht, ihr die Liebe mittels mathematischer Formeln zu erklären. Sie wollte es nicht hören. ,,Ich glaube an die Romantik“, erklärt sie mir, nickt dabei überzeugt und rührt in ihrem Kaffee. Wir reden über die anderen, die wir seit dem Abitur kaum noch getroffen haben. Darüber, was sie jetzt machen. Wir reden über die Orientierung, die uns beiden verloren gegangen ist. Dann nehmen wir einen letzten Schluck, schlüpfen in unsere Jacken und gehen zurück in die vorwinterliche Großstadt. Wir umarmen uns zum Abschied, unsere Haare riechen nach abgestandenem Frittierfett. „Wir finden unsere Orientierung wieder“, sage ich zu ihr und versuche dabei optimistisch zu klingen. „Früher oder später.“

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3 Kommentare

  1. herzgeschreibsel · November 6, 2015

    Sehr schöner Schreibstil. Ganz nach meinem Geschmack. Manchmal braucht man eine Weile Orientierungslosigkeit, um seinen Weg (wieder)zu finden. Alles zu seiner Zeit. Viel Erfolg euch.

    Gefällt 1 Person

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