Leicht Sinn

Ich* weiß nicht mehr, wann ich anfing solche Gedanken zu spinnen. Irgendwann tanzten sie einfach auf den Holzdielen herum, probierten sich an Pirouetten, nahmen Anlauf und drehten sich mit Schwung, wippten im Takt, im Rhythmus meines Atems. Im Bett lag mein blasser, weicher Körper, müde vom Tag, der Woche, den Wochen der Sommerferien. Eine unheilvolle Aneinanderreihung von Freizeit, die ich nach etwa einer Woche Nichtstun nicht mehr genießen konnte. Andererseits kitzelte mich der Gedanke an die Schule unangenehm am Brustkorb und in der Magengegend und versuchte, das soeben Gegessene wieder aus mir heraus zu holen.

Vielleicht war ich zehn, vielleicht sogar erst vier. Ich glaube, ich war sogar noch jünger. Es waren diese Gedanken, mit denen ich mich Jahr für Jahr anzufreunden schien, und doch jagten sie mir jedes Mal wieder große Angst ein. Gedanken, die von einer Handlung erzählten, die für mich zum Problem werden würde, die mir Schmerzen zufügen und die mich vielleicht zu einer Art Kriminellen, Kranken machen würde.

Es beginnt beim Gang über eine Brücke. Der feuchte Wind mischt sich in die Unordnung meiner Gefühle, wirbelt mein Haar durcheinander. Ich versuche eilenden Schrittes den Fluss zu überqueren, mache viel zu große Schritte, viel zu schnelle Bewegungen, viel zu viele Atemzüge. Ich versuche gar nicht erst einen Blick auf das Wasser zu werfen, denn es könnte mich fangen und festhalten, mich fesseln und mich in die Tiefe ziehen. Die Wassertropfen formen sich zu einer Idee, die sich sachte um meine Beine schmiegt wie eine Katze. Sie will, dass ich sie gebrauche, sie nutze, sie wage.

Wirf den Schlüssel in den Strom, versenke das Handy im Wasser, lass deine Tasche hineinfallen, flüstert sie mir zu. Spring, falle, tauche ein. Ich fange an zu zittern und weiß nicht, ob es der schaurige Gedanke ist, oder die Vorstellung das kalte Wasser um meinen Körper, meine Kehle, meine empfindsamen Gesichtspartien zu spüren. Die schwere Kleidung, die mich nur mehr zum Grund hinunter zieht wie die dunkle Stimmung an einem kalten, dunklen Wintermorgen. Ich mache es nicht. Und doch ist es seltsam, was passieren könnte, würde ich…

Ähnlich geht es mir bei vielen oft alltäglichen Dingen. Was, wenn ich nur? Wenn ich jemanden plötzlich beschimpfen würde? Wenn ich absichtlich meine Kleidung beschmieren würde? Wenn ich einfach bleibe wo ich bin, einfach gehe, einfach nicht mehr komme? Wenn ich mir einfach die Haare abschneiden würde? Was, wenn ich jemandem Schmerz zufüge? Verbal, körperlich? Was, wenn ich auf die zitternden Gleise springen würde? Wenn ich auf den Gegenverkehr zusteuern würde, in die Leitplanke, in den Graben? Was, wenn ich springen würde, ins Wasser, auf die Erde, auf Beton, auf Asphalt?

Die Vorstellungen rauschen an meinen Augen vorbei, sind immer gleich. Mein Atem wird flach, mein Inneres verknotet sich. Es sind Ideen, die alles verändern würden, wenn ich mich an ihnen bedienen würde. Taten, die die Welt in einem Stück auf den Kopf stellen, mich unter Wasser atmen lassen würden. Dinge, die das augenscheinlich Schöne in eine unglaublich hässliche Kreatur verwandeln würden.

Und doch rauschen sie nur an mir vorbei wie ein Güterzug. Laut und unerträglich zwar, aber nur für einen kurzen Moment. Dann ist alles gut. Die Bilder in meinem Kopf, sie sind nie da gewesen. Wie leichtsinnig von mir, auch nur einen Moment lang zu glauben, sie seien real.

(*fiktiver Ich-Erzähler)

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